Club der Krabbenbesitzer

Heute war ich bei einer Gruppenberatungsstelle für Angehörige von Krebspatienten. Zuvor bin ich immer nur zu Einzelterminen dort gewesen. Die Therapeutin hatte mir bereits mehrfach vorgeschlagen, doch einmal zu einer Gruppensitzung zu kommen. Bisher hatte ich mich immer gescheuht, ich hatte wenig Lust auf ein Treffen mit lauter verzweifelter Menschen, die vermutlich alle deutlich älter sinf als ich.

Aber ich wollte mir das trotzdem einmal ansehen. Heute war es dann soweit…

Ich trat in einen hellen Raum, darin ein Stuhlkreis mit Blumen und Steinen in der Mitte. Bisher hatte sich meine Befürchtung also erfüllt. Dieser Anblick ähnelte dem aus schlechten Filmen, in denen Leute zu einem anonymen Alkoholikertreffen gehen. Am liebsten hätte ich mich sofort wieder umgedreht, aber zu spät… die Worte „Hallo Frau xy, schön dass sie da sind, setzten sie sich doch“, gepaart mit mit den Blicken der Anderen Anwesenden sollten mein Schicksal besiegeln…Nagut.p1090595

Es startete auch mit einer willkommensrunde, jeder erzählte wer er ist, welcher Angehörige betroffen ist und wer mag, welche Art der Krabbe es sich gemütlich gemacht hat. Das alter meiner Leidensgenossen war gemischt, aber ich gehörte mit meinen 32 Jahren eher zum unterem Drittel. Meist waren, wie bei mir die Partner betroffen.p1090608

Zu meiner Verwunderung wurde wenig über die Krankheiten, also den Krabben an sich geredet. Es ging um Anderes, um das innerste, was Jeder versucht hat irgendwie hervorblicken zu lassen. Tiefe Verzweilung war, wie erwartet auch dabei. die Mehrheit war aber anders. Besonders die Personen, bei denen die Krabbe, wie auch bei uns nicht das erste Mal in Erscheinung getreten ist bzw. Auch nicht mehr ausziehen wird sah es anders aus. Diese Menschen waren bestimmt auch verzweifelt, viel mehr sprachen Sie aber über ihre Wut, auch auf den Partner, sie sprachen über Verlustängste und redeten darüber wie lange das für sie als Angehörige tragbar ist.( Falls Krebspatienten unter Euch Lesern sind, es tut mir Leid dass ihr diese Zeile gerade lesen musstet.)

Das Verhalten der Wiederholungstäter ist anders als das derer, die die Diagnose das erste Mal erhalten haben. Beim ersten Mal waren alle, auch ich, fürsorglich und haben sich im Taumel der Gefühle nahezu komplett selbst vergessen, sich schon fast aufgegeben. Es gab nur noch die Krabbe. Beim Rezidiv (Wiederauftreten der Krabbe), lief es oft anders. Die Patienten und Angehörigen gehen mit einer anderen Einstellung an die Sache herran.p1090602

Es ging viel um Partnerschaftliche Dinge, um den Umgang miteinander, um veränderte Verhaltensmuster und  Rückzug. Es mag sich gemein anhören, aber  diese „verbotenen“ Dinge aus anderen Mündern zu hören tat mir unheimlich gut.

Leider macht die Krabbe auch vor einer Beziehung nicht halt, da sich die Welt oft nur noch um sie dreht und das miteinander vergessen wird. Ich habe von vielen Beziehungen gehört, die daran zerbrochen sind. Das war furchteinflößend und irgendwie auch verständlich zu gleich. Der Held und ich leben im Moment, planen natürlich einige wichtige Dinge aber im Grunde leben wir im hier und jetzt. Wir sind weder verbittert noch denken wir ununterbrochen an das, was kommen mag. Wir sind achtsamer geworden, wissen viele Dinge mehr zu schätzen. Ich bin dankbar.

Auf der anderen Seite gibt es auch viele Momente, in denen Jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es wird empfohlen, dass zu tun was einem gut tut. Dabei ist es schwer die Waage zu halten, zumindest bei uns hin und wieder. Der Held macht seins und Ich Meins, das Unser geht da hin und wieder unter.

Aber ich bin guter Dinge, denn im Grunde, sind das nur Kleine Kiesel auf unserem steinigem Berg.dsc02321

Nebenbei gab es übrigens eine Menge nette Anekdoten und Erzählungen, zum Teil sehr amüsant. Es war kein Treffen der Verzweifelten, es war ein Treffen lauter Menschen, die ZUhauise einen Helden haben und manchmal nicht genau wissen, wie man einen Helden denn nun gebührend genug gegenüber tritt. Ach, und es gab Kaffee und den weltbesten Schokokuchen.

Kennt ihr Treffen dieser art, Selbsthilfegruppen oder Gesprächskreise, unabhängig von dieser Thematik? Wart ihr vieleicht selbst schon Mal auf einem Treffen, hat es Euch geholfen? Ich bin mir unsicher ob es vieleicht bei mehrfachen Besuchen dann doch zu deprimierend wird.

Ein Treffen findet alle 14 Tage statt. Solange der Held noch nicht aufgrund der Hochdosischemo im Krankenhaus ist, habe ich Zeit.

Ich denke, ich werde das nächste Mal wieder hingehen, ich mag meine „anonymen Krabboholiker“.

 

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