Darum heiraten wir (nicht)

Mit einer Krabbe im Haus verhält es sich manchmal ähnlich wie mit anderen neuen Dingen. Als ich ganz frische Mama gewesen bin, wurde ich häufig gefragt ob ich stillen würde. Also die Geburt schon etwas länger her gewesen ist, wurde ich gefragt, wann ich endlich mit den Stillen aufhören würde. Als Alleinerziehende hörte ich hin und und wieder die Frage, ob ich mir vorstellen könne nocheinmal eine Beziehung einzugehen. Seitdem wir eine Nähmaschiene zuhause haben, wird öfter gefragt, ob ich mal schnell etwas tun könnte. Ihr kennt das.

Eine der häufigsten Fragen, die ich in der letzten Zeit immer wieder höre, ist die nach unserer Hochzeit. Wir sind seit über 8 Jahren zusammen und noch nicht verheiratet. Allein das scheint absurd.293602_143235645771141_100002541200448_221042_5753965_n-kopie

Wenn ich mir die ganze Geschichte ganz trocken und nüchtern ansehe, hat es selbstredent Vorteile verheiratet zu sein, im Moment besonders. Wenn nach unserer Hochzeit gefragt wird, klingt im zweiten Satz oft das Wort Absicherung mit, Witwenrente, für die wir mindestens 1 Jahr verheiratet sein müssten, damit überhaupt ein Anspruch besteht . Absicherung für die Kinder, für unsere finanzielle Situation im Worst Case.

Ich möchte Eines vorweg nehmen, so grandios ist diese viel beworbene Absicherung nicht. Ich habe das bereits durch gerechnet. Unser Sohn bekommt seine „Absicherung“, auch ohne das wir verheiratet gewesen sind, unsere Tochter bekommt nichts, da sie einen anderen „Papa 1“ hat. Das ist also kein wirkliches Argument für eine pragmatische Hochzeit.

Ein durchaus wichtiger Aspekt ist dann allerdings die Auskunftspflicht und das Mitentscheidungsrecht. Juristisch betrachtet bin ich im Bezug auf den Helden ein Nichts. Dadurch habe ich keinerlei Mitspracherecht, Entscheidungsgewalt oder Auskunftsanspruch.

Der Held muss in wenigen Wochen für einige Zeit zur Hochdosischemo in die Klinik. 2012 hatte ich den „Luxus“ schwanger gewesen zu sein. Als er krank geworden ist, habe ich ein Beschäftigungsverbot vom Arzt bekommen. Ich war immer bei ihm in der Klinik wenn unsere Tochter in der Kita gewesen ist. War das große Kind bei  Papa 1, war ich zum Teil bis zu 14 Stunden mit im Krankenhaus. Das heißt, ich wusste immer wie es dem Helden ging, auch dann wenn er nicht ansprechbar gewesen ist. Mich und meinen dicken Bauch konnte Niemand übersehen, ich war quasi immer da, so dass ich bei Arztgesprächen, Visiten und Untersuchungen dabei gewesen bin. Ich war auf keine Telefonauskunft von der Station angewiesen.img-20121027-wa0007

Dieses Mal ist das etwas anders. Es gibt zwei Kinder. Unser Sohn hat keinen zweiten Papa, bei dem er hin und wieder ist. Der Arbeit fern bleiben ist keine Option und das Krankenhaus ist nicht, wie damals um die Ecke. Ich bin mir noch unsicher, wie ich es organisatorisch regeln kann, mich hin und wieder in der Klinik aufhalten zu können. Die meiste Zeit aber werde ich Zuhause sein.

Wenn der Held sich selbst nicht melden kann und ich in der Klinik anrufe um etwas zu erfahren, MUSS mir gar nichts gesagt werden. Der Held wird vorher unterschreiben, dass mir Auskunft erteilt werden darf, aber erfahrungsgemäß klappt das nur bedingt, da nicht jeder Mitarbeiter über diese Vollmacht Bescheid weiß. Das ist es, was mir Angst macht.

Eventuelle Steuervorteile und Co. sind für mich aktuell nebensächlich.

Warum sind wir also nicht verheiratet oder tun es nicht zeitnah?p1030324-kopie

Zum einen war bisher nie der Richtige Zeitpunkt, hört sich komisch an, ist aber so. Der Held gehört zu den Hochzeitsmuffeln, für ihn ist dieser Akt nicht wichig. Wir hatten irgendwie immer andere Baustellen.

Zum Anderen hatte ich früher einmal diese romantische Vorstellung. Weißes Kleid, Kutsche und am besten noch im Schloß. Zugegeben; von diesen Vorstellungen bin ich mittlerweile weggerückt, aber irgendetwas magisches sollte es dennoch werden.

Unsere Situation im Moment ist nicht magisch.Die Krabbe Kunibert ist da, mit seinem Schwert und gilt bekämpft und zurückgedämmt zu werden.

Der Held ist immer noch kein Hochzeitsfan, daran ändert auch Krabbe Kunibert nichts. Zum heitaten bedarf es mehr als eine Krankheit. Wir lieben uns, leben aber auch in einer Beziehung die ab und zu gerne mal einer Achterbahnfahrt ähnelt.

Wir wollen feiern wenn wir heiraten, tanzen als gäbe es keinen Morgen. Wir wollen heiraten weil es für uns in diesem Moment richtig erscheint, aus Überzeugung, nicht weil der Held krank ist. Wir wollen Kraft zum feiern haben, Kraft für eine kleine Party und an der fehlt es im Moment. Irgendwo am Wasser wäre toll, auch ohne Schloss, mit einem wunderschönem Kleid und einem tollen Anzug, der die Schultern des Helden zur Geltung bringt. Aber auch ein Schuppen am Kiessee muss bezahlt werden.

Wir haben viele von unseren Vorstellungen von der Zukunft aufgeben müssen; das aber wollen wir uns bewahren. Ich merke wie naiv das klingt, aber irgendetwas muss es geben, was wir auch in unserem „Neuen“ Leben, dem jetzigen Leben behalten wollen. Und wenn es nur der Gedanke an eine schöne Hochzeit ist. Irgendwann wird dieser Moment kommen, aber eben nicht jetzt.

Vieleicht werden wir doch noch etwas sachlicher und heiraten, still, heimlich und ganz leise auf dem Standesamt. Aber so richtig schön wird es vermtlich erst dann wenn der Held wieder fitter ist. Wir finden unseren Stammzellenhelden, der Held wird stabiler, wir bekommen Zeit geschenkt und dann feiern wir. Ganz bestimmt.

3 Gedanken zu „Darum heiraten wir (nicht)

  1. Ich finde das eine schwierige Entscheidung, aber die müsst Ihr für Euch treffen. Ich habe mal eine Frau kennen gelernt auf einem Yoga-Wochenende, mit der ich witzigerweise ein Zimmer geteilt habe. Ihr Mann war ein Jahr zuvor an Krebs gestorben (ich glaube, Glioblastom), dabei war sie erst 23. Hammer. Also teilten die Witwe und die Frau mit dem behinderten Kind sich ein Zimmer. Freaks unter sich 🙂 Sie hat mir erzählt, dass es ihnen beiden total wichtig war, noch zu heiraten, bevor er stirbt, und dass er da schon im Rollstuhl saß, dass es für sie beide aber total wichtig war. Da ging es auch nicht um Absicherung etc, sondern nur darum, dass man sich nicht alles vom Krebs kaputt machen lässt, nicht die Beziehung und auch nicht die Vorstellung von einer Beziehung/Ehe/Familie. Ich hab echt geheult, als sie mir das erzählt hat. Deine Einstellung kann ich aber auch gut nachvollziehen. Das ist ja eigentlich gar nicht so viel anders als bei „normalen“ Menschen ohne Krabben: Die einen heiraten eben, die anderen nicht. Du kannst auch gesundheitliche Mitenscheitungsrechte bekommen, wenn Dein Mann eine entsprechende Betreuungsverfügung ausfüllt. Für den Fall der Fälle. Alles Gute! Und, danke, dass Du Deine Geschichten so ehrlich mit uns teilst!

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  2. Auch wenn ich alles, was du schreibst nachvollziehen kann: die Vernunft würde bei mir siegen. Wir haben auch -tatsächlich aus steuerlichen Gründen- am 30.12. eines Jahres standesamtlich geheiratet, weil es eben in dem Jahr sein musste. Später haben wir noch mal kirchlich geheiratet und dann die entsprechende Party gemacht. Wenn es nicht kirchlich sein soll, gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten für eine Zeremonie. Ich würde es machen – und die Planung für die Feier gleich starten 😉 wir waren übrigens 11 Jahre zusammen, als wir geheiratet haben, da hat auch keiner mehr daran geglaubt 😁

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