Der fünfte Jahrestag mit Krabbe Kunibert

Hallo Kunibert,

heute vor 5 Jahren haben wir von Dir erfahren. Unser Held und ich kannten uns 3,5 Jahre, wohnten noch nicht zusammen und lebten zusammen mit der 4 jährigen Einhornbändigerin in den Tag hinein.

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Dann bist Du gekommen, vollkommen unerwartet und erbarmungslos. Unser Held hatte seid einigen Monaten starke Schmerzen im Rücken, an diesem Abend waren Sie so stark, dass ich einen Rettungswagen gerufen habe. Nachts, um kurz nach drei schrieb mir Simon eine kurze Nachricht auf mein Handy. Er hätte nun ein Bett, auf der onkologischen Station, woanders wäre sicher kein Platz mehr.

Nur wenige Stunden später haben wir mit dem Arzt in einem Raum gesessen. Simon war von dem Morphium mehr abwesend, als dass er dem Gespräch folgen konnte.

Der Arzt erzählte uns von Dir, der Krabbe namens Multiples Myelom. Du bist nicht heilbar, wirst nie verschwinden, aber es ist möglich Dich zum schlafen zu bringen. 4 Chemozyklen und eine Hochdosischemotherapie mit anschließender Rückführung der eigenen Stammzellen schickten Dich in den Winterschlaf. Es gab Tage, an denen der Held weder wusste wer ich noch wer Er ist. Simon war zwar wach, aber nicht anwesend. Nach dem ersten Chemozyklus fragte er mich, ob er Krebs hat. Wie sollte ich ihm erklären, dass es Dich Kunibert gibt. Wie sollte ich ihm erzählen, dass die Worte nicht heilbar und stark verkürzte Lebenserwartung gefallen sind?

Während der Behandlungen wurde der kleine Batman geboren, die erste Zeit verbrachten die Einhornbändigerin, der Babybatman, Ich und dein bester Freund die Wochenbettdeoression allein zu Hause.img1220

Du olle Krabbe…Du hast unsere Welt damals zum stehen gebracht. Ich bin ein Mensch, der sich nicht gern Problemen stellt. Ich bin Jemand, dem Sicherheit sehr wichtig ist. Eigentlich bin ich eher introvertiert, bleibe gern für mich und verstecke mich lieber, als das ich mich zeige. Ich bin kein Wolf, eher der Typ Hase. Ich flüchte, wenn es zu gefährlich wird.

Ich bin nicht gegangen. Ich habe mein ganzes Leben an Dich angepasst, mein Tempo, meine Freizeit, meine Träume und Wünsche. Kunibert; Du bist eingeschlafen und dennoch habe ich mir gesagt, dass ich das kein zweites Mal schaffen werde.IMG_3770

Erwacht bist Du im Herbst 2016. Du bist größer geworden, der Schlaf hat Dich stark gemacht und Du hast deine Freunde mitgebracht, die sich im Kopf und am Brustbein unseres Helden angeammelt haben. Erfahren haben wir von Dir erst im Dezember 2016. Der kleine Batman wurde einen Tag zuvor an den Mandeln operiert und verbrachte seine Zeit noch eisessend im Krankenhaus.

Unser Held verzweifelte  nicht, er war kampfbereit und stellte sich Dir. Schnell war klar, dass die Chemozyklen und eine weitere Hochdosischemotherapie diesmal nicht ausreichen werden.

Um mich nicht wieder selbst zu verlieren trat ich ebenfalls einen Schritt nach vorn und zeigte Dir meinen Mittelfinger. Ich flüchte nicht, ich will gar nicht, dennoch… Angst machst Du mir.

Ich passe mein Leben Dir erneut an, in den nächsten Monaten wird das sicher noch zunehmen.

Krabbe Kunibert, ich hasse Dich für viele Gedanken die ich habe. Ich hasse Dich dafür, dass Du mir ein Stück Sicherheit geraubt hast. Ich hasse Dich dafür, dass du unseren Heldenkindern irgendwann eventuell den Vater nimmst.

Ich habe in unseren Einladungen alle Gäste darum gebeten Dir an unserem Hochzeitstag nicht mehr Raum als nötig zu geben.

Aber weißt Du Kunibert, ich muss mich selbst immer wieder an diesen Satz erinnern. ich fürchte mich davor, Dich an diesem Tag immer vor Augen zu haben.

Du raubst mir den Schlaf, weil ich mich immer öfter frage was nach der Hochzeit sein wird. Finden wir einen passenden Stammzellspender um Dich erneut in den Winterschlaf zu schicken? Was erwartet uns danach? Was passiert, wenn wir diesen Spender nicht finden?IMG-20170408-WA0015

Ich bin so erschöpft und Müde.

Ich habe das Gefühl, dass es nie ausreichen wird, egal wie sehr ich mich bemühe, es reicht einfach nicht. Auch ich nehme den Kampf mit Dir auf, immer wieder. Es geht mir gut, wirklich. Aber ich habe Angst.

Du olle Krabbe Kunibert, wir leben seit fünf Jahren mit Dir. Wir schaffen es, nicht nur zu überleben. Wir können lachen, uns über Kassenzettel im Regal/ rum liegende Sachen streiten, Ausflüge machen und heiraten.

Und trotzdem gibt es Momente an denen Du mich lähmst.

Seid fünf Jahren bist Du da. Du hast unser Leben auf den Kopf gestellt. Du Sorgst aber auch dafür, dass wir eine andere Sich auf die Dinge entwickelt haben. Zum Teil entschleunigst Du uns, Dinge die früher eine hohe Priorität hatten, erscheinen uns nun weiniger wichtig.

Kunibert, die Jahre mit Dir haben mich nicht nur gefühlt wahnsinnig altern lassen, sie haben mich verändert.IMG_20170611_111224

Ich dachte früher meine Grenzen zu kennen. Heute weiß ich, dass ich mich geirrt habe. Meine Grenzen sind deutlich weiter weg, erreicht habe ich sie bisher noch nicht. Ich war wegen Dir Kunibert, öfter in der Öffentlichkeit als es mir lieb war. Und ich muss Dir sagen, es ist okay. Ich weiß, das mein Verlangen nach Flucht so gering geworden ist, dass ich nicht gehen werde.

Und ich weiß auch, dass mein persönliches empfinden nur von mir abhängig ist. Nicht von Simon, nicht von Dir und sonst irgendwen. Ich habe gelernt Verantwortung mich und meine psychische Gesundheit zu tragen. Wie es mir geht, hängt von mir und meiner Sicht auf die Dinge ab. Ich kann auch Dich nicht dafür verantwortlich machen.

Und trotzdem bitte ich Dich, verkriech Dich hin und wieder, verschwinde öfter aus meinen Gedanken.

Ich werde nicht flüchten, denn Du hast mich nicht gefangen. Aber eine kleine Auszeit, eine Erholungspause wäre großartig.

Ich habe mir vor Fünf Jahren geschworen, dass ich mir diesen Zustand, diese ständige Angst, diese Selbstaufgabe nicht nochmal zumuten werde.

Krabbe Kunibert, ich denke dass ich auf einem gutem Weg bin. Du zwingst mich dazu, mein Leben Dir anzupassen. Ich muss mich nach Dir richten. Aber weißt Du… ich muss mich nicht aufgeben um das möglich zu machen. Ich muss einfach nur Kompromisse finden. Kompromisse sind für Jeden schwierig, aber es geschehen Dinge, die keiner vorraussehen kann. So auch bei uns. Ich plane um, denke anders und behalte das vor Augen, was wirklich wichtig ist.

Wichtig sind die Kinder, unser Held und das was wir haben. Das drum herum ist austauschbar bzw. wandelbar. Diese Gedanken lassen mich durchhalten, dieses Bewusstsein ist stärker als die Angst vor Dir.P1110182 (2)

Lieber Kunibert, ich hasse Dich, aber du schaffst es nicht mich mit meinem Leben hadern zu lassen. Ich bin dankbar für jede Minute, die wir haben. Wir sind privilegiert, denn Andere haben nicht das Glück noch viele Minuten zusammen zu haben. Ich liebe, ich lebe, ich habe Angst aber verzweifle nicht an Dir.

Und dennoch hoffe ich noch viele Jahrestage mit Dir erleben zu können. Denn solange Du da bist, ist es unser Held auch. Der Rest ist zweitrangig.

Kunibert, Du wirst uns nicht vertreiben! Du wirst uns nicht in die Knie zwingen! Wir machen alles was möglich ist um DICH vertreiben zu können.

Kunibert Du bist „krass“, aber ich muss Dir sagen; wir sind „krasser“

Und ganz vielleicht verschafft uns eine geglückte Stammzelltransplantation genug Zeit um weiter auf die Forschung zu hoffen; zu hoffen dass ein Wunder geschieht und ein Verfahren entwickelt wird welches Dich dauerhaft schlafen schickt oder sogar vertreibt.

Wer weiß schon was uns Morgen bringt?

 

3 Gedanken zu „Der fünfte Jahrestag mit Krabbe Kunibert

  1. Liebe Ines.
    Du kannst wunderschön schreiben. Ich bin gefesselt, fasziniert, wie sanft und weich Du Deine Situation beschreibst. Dazu fällt mir ein Umstand ein, den ich täglich vor Augen geführt bekomme. In meinem Garten wächst ein Baum, groß stark, wohlgeformt, Schatten spendend. Nicht unweit von ihm eine weiße Gartenhortensie. Sie stehen schon viele Jahre neben einander. Nun kommt es hinzu, dass die Hortensie eine Kletterpflanze ist. Ich wusste
    es nicht, als ich sie an diesen Ort pflanzte. Ich wusste nur, dass sie Schatten liebt. Heute ist es so, dass die Pflanze den Baum umschlingt, bis hinauf in die Krone. Wenn sie blüht, sieht es wunderschön aus. Meine Sorge gilt dem Baum. Er nimmt schweigend hin.

    Liebe Ines,
    wenn Du heiratest, sollte es nur aus Liebe sein. Die Liebe zu dem Mann, dem Menschen. Nicht eine Heirat als Kampfansage gegen Kunibert. Wir alle haben einen Kunibert, er ist immer bei uns. Nicht alle werden geliebt und müssen trotzdem leben.
    Liebe Ines,
    die Liebe trägt, die Liebe ist die Freiheit, die Liebe ist unser Glaube und unsere Hoffnung.
    Liebe Ines,
    vielleicht ist es Deine einzige wahrhaftige Liebe und Du wirst niemals mehr in Deinem Leben so empfinden. Was sein wird bestimmen nicht wir. Deshalb, liebe, lebe, stimme Dein Herz fröhlich ein.
    Liebe Ines,
    Dieser Tag und die Tage danach, kann Dir niemand nehmen.
    Du hast einen Mann, der um alles kämpft, für Dich, eure Kinder, nicht zuletzt für sich und seine Ursprungsfamilie.
    Welche Stärke muss in ihm sein und von ihm ausgehen.
    Vertraue und lebe, liebe.

    Hilde

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