die Sache mit den Zeugnissen– Off Topic

Die Einhornbändigerin hat ihr drittes Schulbesuchsjahr hinter sich und genießt nun ihre wohlverdienten Ferien.

Die letzten drei Jahre war nicht immer einfach und vor Allem ich habe zwei Dinge gelernt…

  1. ich habe die Zeit in der Grundschule ordentlich unterschätzt
  2. Erstklässler können unwahrscheinlich gemein und grausam sein

Die Einhornbändigerin freute sich damals sehr auf ihre Einschulung, sie knnte es kaum erwarten lesen und schreiben zu lernen. Sie interessierte sich schon in dieser Zeit besonders für Natur, sammelte Steine und beobachtete Tiere. Ganz besonders stolz war sie auf ihren pinken Schulranzen, ihre riesige Zuckertüte und ihr Einschulungskleid.

Die Heldentochter hat Epilepsie; Absence Epilepsie. Seit sie vier Jahre alt ist, nimmt sie starke Medikamente ein. Zum Zeitpunkt der Einschulung war sie auf drei verschiedene Medikamente eingestellt und trotzdem nicht Anfallsfrei. Eine Absence sieht aus wie ein Tagtraum, sie hört plötzlich mit ihren Tätigkeiten auf, oder schlimmer macht einfach weiter. (auf einem Fahrrad, auf der Straße, an einer Treppe ist das nicht immer angenehm…) Dieser „Anfall dauerte bis zu 2Minuten, meistens jedoch kürzer. Danach hatte sie oft Orientierungsschwierigkeiten, sie wusste nicht wo sie ist, was sie gerade gemacht hat oder warum sie alle so komisch ansehen.DSC00567.jpg

Ich zeige Euch keine Einschulungsfotos, denn auf nahezu jedem Bild hat die Einhornbändigerin solch einen Anfall und zeigt ihren „Schlafzimmerblick“

Es gab zuvor viele Gespräche mit der Schule und der KIta. Das Kind wurde mit Integrationsstatus und Schulhelferin in einer Regelschule eingeschult. Die kleine Superheldin besucht eine JÜL Klasse (Jahrgangsübergreifendes Lernen). In dieser Klasse werden Kinder von der 1-3 Klasse zusammen unterrichtet. Von Anfang an war klar, dass die Einhornbändigerin diese JÜL nicht nach drei Jahren beendet sondern nach vier. Sie ist nicht „sitzengeblieben“ sondern hat einfach etwas mehr Zeit bekommen. Die Medikamente verlangsamen die Hirnleistung, so dass die Heldentochter einfach etwas mehr Zeit braucht. Dazu ist sie sehr verträumt und lässt sich leicht von anderen Dingen ablenken.IMG_20130516_201846

Es wurde hoch gepriesen, dass die Kinder in den ersten drei Jahren nicht benotet werden. (ja, tatsächlich, ich finde es gut trotz dem gern genanntem Argument der Leistungsorientierten Gesellschaft)

Der Einhornbändigerin fiel es sehr schwer Buchstaben zu Wörtern zusammen zu ziehen. Sie erkannte die Buchstaben aber Worte wollten nicht daraus werden.

Sachkunde und Kunst mochte sie, das interessierte sie. Mathe…lassen wir das.

Zum Jahrsende gab es das Zeugnis. Noten standen nicht drauf, dafür aber Viertel Kreise, Halbe Kreise, Dreiviertel Kreise und Ganze Kreise…

Im zweiten Jahr wurde es doof. Das tapfere Mädchen kämpfte immer noch mit den Buchstaben und Zahlen. Die Kinder bekamen regelmäßig Diagramme mit. Auf diesen Stand in Form eines Balken das Leistungsniveau des Letzten Tempochecks, mit Namen der Kinder drunter. (Deutsch–Lesen und Verstehen auf Zeit, Ankreuzprinzip)20150527_164104.jpg

Unsere Tochter war die Zweitschwächste, die Kinder der Klasse verglichen sich untereinander und die Einhornbändigerin wurde ausgelacht und geärgert.

Seit diesem Tag hatte sie jeden Morgen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und ähnliches. Hausaufgaben wurden zur Qual, Sätze wie „ich kann das sowieso nie, ich bin zu doof“ waren keine Seltenheit. Die Einhornbändigerin war auf Schulfesten immer allein unterwegs, versteckte sich wenn bestimmte Mädchen in der Nähe waren. Sie wurde auf keine Geburtstage mehr eingeladen und wollte eigentlich gar nicht mehr zur Schule.20170716_162220

Es folgten viele Mails und Gespräche mit der Lehrerin und auch der Schulsozialarbeiterin. Es gab Gespräche mit den entsprechenden Kindern. Zuhause lichtete sich das Chaos langsam, die Einhornbändigerin machte wieder Hausaufgaben und lernte. Sie fing an ihrem Bruder vorzulesen, den Hunden und irgendwann auch uns. Sie schrieb Briefe du kleine Botschaften. Gedichte lernen war kein Problem mehr und das 1×1 wurde immer sicherer.

Das Zeugnis nach dem zweiten Jahr zeigte uns dennoch deutlich mehr Viertelkreise als im Jahr davor. Trotzdem waren wir stolz, stolz auf ihr Durchhaltevermögen.

In diesem Jahr feierte die Klasse wie immer kurz vor den Sommerferien den Abschied der Drittklässler, also von den Kindern mit denen unsere Tochter eingeschult worden ist. Die Einhornbändigerin war nicht traurig, dass sie nicht gefeiert wurde da sie noch ein Jahr verweilen darf. Sie freute sich darüber, dass sie bei ihrer Lehrerin, ihrem Horterzieher und in der Klasse bleiben kann, auch wenn ihre Freundin nun in die 4. Klasse wechselt. Die Einhornbändigerin war so gelöst auf diesem Fest und das erste Mal seit ihrer Einschulung konnte ich sehen, wie sie fast ununterbrochen mit anderen Kindern aus ihrer Klasse spiele, tobte und Spaß hatte. Sie wollte gar nicht gehen.P1110054

Das letzte Jahr tat ihr gut, sie fand Anschluss, besonders bei den Kindern, die ein Jahr nach ihr eingeschult worden sind. Die Klassenfahrt war da erste Mal richtig toll. Sie wünscht sich Bücher und liest nahezu flüssig.

Schreiben ist nach wie vor ein Problem. Das 1×1 sitzt, und Schulsportport mag sie bis Heute nicht. Sie kann Inlineskaten, Skateboard fahren, verrücke Trampolinsprünge und rast mit dem Fahrrad mehr als mir lieb ist…aber Schulsport, naja. Aber ganz ehrlich… Bockspringen und 2500 Meter Lauf war auch nicht unbedingt meins.

Wir haben die Einhornbändigerin das letzte Schuljahr sehr in Ruhe gelassen. Sie musste zu Hause nicht viel lernen (Ausnahme sind Gedichte und das 1×1). Sie konnte spielen, rennen und das tun was ihr Spaß macht. Sie hatte nach der Schule Freizeit, da sie die Hausaufgaben im Hort gemacht hat.

Sie wurde selbstbewusster, verabredete sich mit Freunden. Nach wie Vor mag sie es auch mal ihre Ruhe zu haben und für sich zu sein, aber sie igelt sich nicht mehr ein. Sie ging gern zur Schule. Auch der Kontakt zu dem „Nachbars“ Mädchen ist/sind wieder besser geworden.

Das letzte Zeugnis… Die Einhornbändigerin kam an diesem Tag stolz nach Hause. Ganz aufgeregt erzählte sie „Mamaaaaaaaa ich habe 7 volle Kreise“. Es sind immer noch einige viertel Dinger dabei, die meisten sind halb, einige dreiviertel und eben diese 7 vollen. Mir sind diese Kreise egal, ich wollte dass sie ihr bestes gibt. Unsere Heldentochter hat sich reingekniet, liest freiwillig und versucht sich besser zu konzentrieren. Um mehr geht es nicht.

Bis Heute gelingt es ihr nicht die Uhrzeit zu verstehen, Kopfrechnen und schreiben ist auch nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung. Noch immer lässt sie sich von Dingen ablenken, aber…FFP0058-01-0042

Sie kann die Uhrzeit nicht, weiß aber das kranke Hummeln Zuckerwasser brauchen um wieder fit zu werden. Kopfrechnen ist uninteressant wenn sie weiß dass in der Straße ein verletztes Tier liegt. Sie kann sich nicht konzentrieren; träumt stattdessen lieber von einem Schmetterling, der gerade aus dem Kokon geschlüpft ist.

Die Einhornbändigerin ist 9 Jahre alt. Sie hat so viele Interessen und Stärken. Und auch wenn diese nicht immer als „altersgerecht“ angesehen werden, so hoffe ich dass es immer Jemanden gibt, der diese erkennt.

Unser Held und ich haben beide Abitur. Ich muss neidlos zugeben, dass das des Helden bedeutend besser ist als meins. Ich habe jüdische Wissenschaften und Politik studiert (jaja…). Bildung ist für uns kein Fremdwort. Ich bin mir bewusst in welcher Art der Gesellschaft wir leben, tue mich trotzdem schwer damit diesen Leistungsdruck, besonders bei den Kindern zu akzeptieren.

Die Einhornbändigerin braucht länger um etwas zu verstehen, andere Dinge hingegen eignet sie sich völlig allein an. Ich finde sie wahnsinnig clever und gewitzt und trotzdem ist sie nicht für dieses Schulsystem geschaffen. Bis zum Grundschulende geht es irgendwie, aber danach. Was kommt dann?

Ich habe Angst, dass sie vergangene Erfahrungen noch einmal durchleben muss. Zur Zeit bin ich dabei mich über alternative Schulformen zu informieren; Waldorf, Montessorie oder feie Schulen. Sie braucht etwas, an dem die Kinder dort abgeholt werden wo sie stehen, wo ihre Stärken unterstützt werden anstatt nur die Defizite zu sehen.

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Das Extrajahr in ihrer Klasse tat und tut ihr gut, an dem sind die Lehrerin, Horterzieher und vor Allem auch die Schulhelferin nicht ganz unbeteiligt. Die Einhornbändigerin und auch viele andere Kinder sind auf genau solche Menschen angewiesen.

Gute Leistungen in der Schule sind wichtig, aber nicht Alles. Soziale Anbindungen, ein gutes soziales Netz und vor Allem ein gutes Selbstwertgefühl sind mir für meine Kinder bedeutend wichtiger. Jeder ist anders, jede ist toll und hat ein Recht darauf so akzeptiert zu werden wie er ist.20130703_153721

Darum mochte ich schon früher diese ganzen Babygruppen nicht. Fällt dein Kind aus dem „Plan“, aus der Entwicklungskurve wirst du als Mutter merkwürdig oder bemitleident angesehen. Läuft ein Kind mit 14 Monaten noch nicht frei, so geht es zum Physiotherapeuten, spricht es mit 2 nicht mindestens 2Wortsätze so0 wird über Logopäde nachgedacht.

Jedes Kind hat seinen „Bauplan“, manchmal lohnt es sich Ihnen einfach mehr Zeit zu geben. Das gilt auch noch für Schulkinder.

Ich wünsche mir für unsere Kinder einen Schulabschluss, einen den sie aus eigener Kraft erreichen können. Es wird vermutlich nicht da Abitur, aber das muss es auch gar nicht. Ich wünsche mir für meine Kinder die Möglichkeit aus ihren Ressourcen schöpfen zu können. Sie müssen nicht alles perfekt können.HoneymoonPictures_Ines&Simon-166

Wenn ich mit der Einhornbändierin unterwegs bin kann sie jeden Baum benennen, mir Pflanzen erklären und mir zeigen welches ihr liebstes Geheimvesteck ist. Ich lerne jedes Mal etwas dazu.

Ich lieb Dich mein hübsches, starkes Mädchen!P1110107 (2)

 

 

 

5 Gedanken zu „die Sache mit den Zeugnissen– Off Topic

  1. Ich selbst war eine Vorzeigeschülerin – bis die Pubertät Ende der fünften Klasse einsetzte. Ich kam nicht mehr auf Spur, konnte dem Leistungsdruck nicht standhalten. Schließlich musste ich die Schule verlassen.
    Hinterrücks meldeten meine Eltern mich auf der Waldorfschule an – ich hielt davon damals wenig, weil ich nichts davon wusste und wie alle sagte, dass es eine Art Baumschule sein müsse.

    Tatsächlich eine der besten Entscheidungen, die in meinem Leben die mich gefällt wurden. Ich wurde bereichert, wie wurden so sehr angenommen, wie wir waren. Und dabei war ich sogar noch auf einer Waldorfschule, die nicht besonders gut lief.
    Meine Kinder ,die ich irgendwann einmal haben werde ,die werden niemals das reguläre Schulsystem erleben, wenn es sich vermeiden lässt. Montessori ist auch ein tolles Konzept, genauso wie Don Bosco. Es gibt so einige. Genauso wie es unterschiedliche Kinder gibt.
    Lasst die Tage der offenen Türen auf euch wirken und folgt dem, bei dem ihr euch am wohlsten fühlt 😊

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    1. Oh, da haben wir mit det Schule unserer Tochter Glück gehabt. Sie besucht eine Gemeinschaftsschule, von der 1. bis zur 13. Klasse. JÜL gibt es bis zur 9.Klasse und Notenpunkte auch erst ab Ende 9. Klasse. Da es eine Ganztagsschule ist, gibt es keine Hausaufgaben. Das ist schon mal sehr entspannend. Ein Sitzenbleiben ist nicht möglich, da jeder nach seinem Tempo und seinen Möglichkeiten arbeitet. In unserer Situation (mein Mann hat ja auch ein Multiples Myelom und es geht ihm nicht so gut und unser Mädchen und ich haben Autoimmunerkrankungen) ist das ein wahrer Segen, da sie ja auch viele Fehlzeiten hatte. Ich wünsche deiner Tochter genau so eine gute Schule 🏫, die Tage der offenen Tür bieten dazu eine gute Gelegenheit (auch mit den anwesenden Schülern sprechen).

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  2. Sehr schöner Beitrag! 🙂
    Ich selbst bin (wenn alles glatt läuft) bald Grundschullehrerin und weiß wovon du sprichst. Auch wenn ich Lehrerin werde, heißt das nicht, dass ich unser Bildungssystem toll finde, im Gegenteil. Ich selbst bin schwerbehindert und hatte es nicht immer leicht in der Schule. Mitschüler waren gemein, Lehrer hatten kein Verständnis und es hat nicht alles so schnell geklappt wie bei den anderen. Das war nicht immer leicht und ich kann deine Sorgen verstehen. Die Angst, dass deine Tochter untergeht, nicht mithält, sich zu sehr mit den anderen vergleicht.
    Ich kenne sie nicht und kann daher nur meine Erfahrungen mit euch teilen, in der Hoffnung, dass sie euch vielleicht auch ein bisschen bei eurer Entscheidung helfen.
    Die Schule war für mich nicht immer schön und vor allem nicht immer einfach, auch jetzt im Studium komme ich oft an meine Grenzen, bin traurig und sauer, dass es nicht so klappt wie bei den anderen, finde es unfair.
    Aber ich bin sehr froh, dass ich und auch meine Eltern diesen „normalen“ Weg für mich gewählt haben. Ich habe mich durchgebissen, bin über mich hinausgewachsen und schaffe Dinge, die wenige mit meiner Erkrankung schaffen. Ich würde immer wieder den etwas steinigeren Weg nehmen. Denn mittlerweile bin ich stolz auf mich und kann dies auch ganz offen so sagen.
    Das kommt aber ganz auf die Persönlichkeit des jeweiligen Kindes und auch auf die jeweilige Schule an. Wie engagiert und verständnisvoll (das ist besonders wichtig) sind die Lehrer? Ich werde Lehrerin, weil ich genau das meinen Schülerinnen und Schülern geben möchte, was ich oft nicht bekommen habe. Verständnis. Aber trotz meinen Schwächen genauso behandelt zu werden wie alle anderen Kinder, ohne mich dabei zu überfordern. Für viele mag das widersprüchlich klingen…..
    Wie auch immer ihr euch entscheidet. Eure Tochter wird euch wissen lassen, was gut für sie ist, was sie möchte und was nicht und ihr werdet ihr helfen ihre Ziele zu erreichen. Ihr werdet das richtige machen! 🙂
    Liebste Grüße,
    Elli ❤

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  3. Deine Tochter ist perfekt, genau so, wie sie ist. Sie entspricht nicht allen Normen, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht perfekt ist. Ich habe auch ein Kind, das nicht den Normen entspricht, und freue mich über jeden Entwicklungsschritt. Manche Kinder brauchen eben ihr eigenes Tempo. Unsere Maus ist in einem Montessori-Kindergarten und die Montessori-Materialien sind gerade für Mathe ein absoluter Traum. Von daher kann ich Dir das nur wärmstens empfehlen. Waldorf ist bestimmt auch gut für unsere Kinder, besser als eine Otto-Normal-Schule, vor allem, weil die Klassen viel kleiner sind. Aber die Waldorfs mit ihrer antroposophischen Welteinstellung machen mir manchmal ein bisschen Angst, das ist mir zu eso. Trotzdem schaue ich mir ne Waldorf-Schule für Mimi an.

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