Kunibert und Ingeborg

Der 5. Geburtstag des kleinen Batman liegt hinter uns. Es war ein toller Tag, der nicht mehr ganz so kleine Heldensohn hat jeden Moment genossen. Dieses Wochenende waren die Omas und Opas, die Tante und Cousinen zu Besuch; die Euphorie hielt also an.

Zusammen mit einem Gefühl von großem stolz, mischt sich bei mir noch etwas „Erfurcht“ vor der der Vergangenheit mit.

Als ich mit dem Batman in der 21. Woche schwanger gewesen bin, zog Kunibert; das multiple Myelom bei unserem Helden ein. Mit Kunibert änderte sich alles schlagartig und nichts schien mehr so zu sein, wie es mal war. Ich erschrak jeden Morgen wenn ich im Spiegel meinen im runder werdenden Bauch im Spiegel gesehen habe.

Am 12.9 erblickte der kleine Held mit 48cm und 2825Gramm die ersten Lichter um sich herum.1175493_500036726757696_615720744_n 2 Tage später musste unser Held aufgrund der Verschlechterung seines Zustandes selbst in die Klinik.

Ein paar weitere Tage später konnte ich die Klinik verlassen, zusammen mit dem Babybatman, der damals 4 jährigen Einhornbändigerin, der dazugehörigen Patentante und Ingeborg. Ingeborg hatte sich bei mir eingeschlichen, über Nacht war sie einfach gekommen und wollte zunächst auch nicht mehr gehen. Ingeborg sorgte dafür, dass ich schlecht geschlafen habe, oft geweint und selten Hunger hatte.

Ingeborg heißt eigentlich Wochenbettdepression. Sie hielt mich fest umschlungen, nur dass ich es damals nicht direkt bemerkt hatte. Ich dachte die innere Unruhe, das Verzweifelte la an der Gesamtsituation. An Ingeborg dachte ich nicht.665499_362217653872938_2026546770_o

Der kleine Heldensohn schrie, oft, eigentlich fast immer. Die Einhornbändigerin wurde das erste Mal auf Medikamente gegen ihre Epilepsie eingestellt. Unser Held lag in der Klinik. Und ich verstand nicht, warum ich so wenig Bezug zu unserem Baby, dem kleinem Batman hatte.

Unser Held war am Anfang selten zu Hause, das Klinikbett brauchte er öfter als gedacht. Um mich herum erntete ich oft und verständlicher Weise oft Unverständnis. Niemand konnte verstehen warum ich nicht die liebevolle Löwenmutter war, wie ich es bei der Einhornbändigerin von Anfang an gewesen bin.  Ich verstand es selbst auch nicht. Ich hätte dem kleinem Batman nie etwas angetan, aber so richtige Muttergefühle hatte ich nicht. Ich stillte ihn und es fühlte sich fremd und nicht richtig an. Die erste Zeit versuchte ich diese Gedanken wegzudrücken, nach außen die zufriedene Mama zu sein.841198_401556469939056_1103118990_o

Irgendwann klappte es nicht mehr. Ich trug den kleinen Heldensohn oft im Tragetuch und trotzdem wollte dieses eine, dieses bestimmte Gefühl einfach nicht kommen. Ich traute mich nicht mit Jemandem darüber zu sprechen.  Ich zweifelte an mir, an meine Fähigkeiten und fragte mich warum ich überhaupt Mutter geworden bin. Ich war überfordert und fühlte mich unfähig. Die Kinder waren immer gepflegt, sauber, satt und wurden versorgt. ch spielte mit Ihnen, schaukelte sie in den Schlaf, nur gut angefühlt hat es sich nicht. Zu mehr hat es damals für einige Zeit kaum gereicht. Ich bin mir unsicher ob ich eventuelle „Spätfolgen“ für Beide Heldenkinder zu verantworten habe. Bis Heute mache ich mir Vorwürfe in diese Situation gefallen zu sein, bzw. mir zu spät Hilfe geholt zu haben. Schwäche zeigen wollte ich damals nicht, denn ein Erwachsener muss schließlich stark sein.DSC_9362

Die Situation um die Krebserkrankung unseres Helden spitzte sich zu, Ingeborg wollte auch nicht gehen und ich realisierte langsam, dass es so nicht weitergehen kann… Ein Besuch bei der Frauenärztin brachte etwas Licht ins Dunkle. Zum ersten Mal fielen die Worte Wochenbettdepression, „das passiert häufiger, als man denkt“ und „sie sind nicht allein“. Es folgten einige Wochen mit einigen Terminen, Gesprächen und diversen Anderem. Medikamente habe ich nicht genommen.

Und eines Tages war er da. Der Morgen, an dem der kleine Batman von mir gestillt worden ist. Ich sah ihm an, er kuckte mir in die Augen und es kribbelte in meinem Bauch. Es war so, als würden viele Flugzeuge auf einmal starten. Mir wurde wohlig warm und ich war vor allem eins— Zufrieden. Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war ich zufrieden. So richtig mit Haut und Haaren. Ich hätte den kleinen Heldensohn die ganze Zeit nur ansehen können.602698_418232901604746_1060626091_n

Ich merkte in den folgenden Tagen, dass meine Augenringe zwar nicht kleine werden, ich aber dennoch entspannter. Ich konnte wieder lachen, mit den Kindern spielen und war dankbar Mutter von zwei wunderschönen, tollen Kindern zu sein.

Ingeborg lebte etwa 8 Wochen mit uns, sie kam über Nacht und ging auch plötzlich wieder über Nacht. Nachdem ich dachte, dass ich nie wieder „normal“ sein werde, war es plötzlich überstanden.1504399_686813388080028_9027125181540656060_o

Dieser Post ist sehr intim und schon fast ein wenig unangenehm. Aber ihr Lieben…Eigentlich wollte ich Euch nur sagen, dass es viele Arten von Krankheiten gibt. Es gibt Krankheiten, fiese Untermieter wie Ingeborg, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Bei mir lebte Ingeborg nur vorübergehend, weil meine Hormone nach der Geburt des Heldensohnes verrückt gespielt haben. Es gibt aber ebenso viele Fälle, bei denen eine Ingeborg dauerhaft wohnt. Sie nisstet sich richtig ein, bleibt und hat kein Mitleid. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind hart und erbarmungslos. Trotzdem gibt es nur selten Verständnis von Außen. Im Gegenteil…882882_427716633989706_1925809424_o

Ich hatte Glück, dass Ingeborg fast von allein wieder gegangen ist. Ich hatte das Glück, dass ich danach noch eine tolle Beziehung zu unserem Sohn aufbauen konnte. Dieses Glück haben nicht alle. Oft bleiben Patienten unbemerkt, weil die Scham zu groß ist.

Wochenbettdepressionen…Die Dunkelziffer ist hoch. Und glaubt mir, rückblickend betrachtet war es der Horror. Es sind nicht nur „Heultage“, es ist um einiges mehr. Mittlerweile weiß ich, dass es Frauen gibt, die sogar Wochenbettpsychosen entwickelt haben. Hormone sind nicht zu unterschätzen.

Wenn ihr betroffen seid, irgendetwas komisch findet oder ihr das Gefühl habt eure Freundin/ Frau könnte betroffen sein; holt Hilfe. Nicht in allen Fällen geht es so gut aus, wie bei mir. Schämt Euch nicht, steht dazu und holt Euch Hilfe. Ingeborg kann auf Dauer nämlich genauso grausam und unberechenbar werden wie Kunibert.

Geliebter Heldensohn, bis Heute tut es mir so unendlich Leid, dass ich erst so spät etwas gegen diese Situation unternommen hatte. Wir haben soviel Zeit verloren und ich frage mich oft, ob manche deiner „Schwierigkeiten“ eventuell auf diese Zeit zurück zuführen sind. Ich bin dankbar, dass es uns trotz des wirklich schwierigen Starts noch gelungen ist eine so schöne Mutter-Sohn Bindung aufzubauen.

5 Gedanken zu „Kunibert und Ingeborg

  1. Liebe Ingeborg, ich kenne Dich nicht, habe Dich bei 3 Kindern nie kennengelernt! Doch ich kenne einige Mamas die eine ganze Weile eine Mitbewohnerin wie Dich hatten. Liebe Batman-Mama, sei froh dass die Olle Ziege weg ist, sei froh dass du den Bezug zu deinem Sohn gefunden hast und sei froh über jeden Tag mit deinem hübschen, tollen Batman. Schau nicht zurück, nur nach vorn. Ich grüße Dich und verneige mich vor Deinem Mut über Kunibert und Ingeborg zu sprechen! Du bist eine tolle Frau, lass Dir das gesagt sein.

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  2. Liebe Ines, Dir und Simon meinen Glückwunsch zu diesem Euren Sohn. Ich mag diese Kinder, die fröhlich, unberechenbar, abweichend sind. Damit meine ich, die Lebendigkeit die dieses Kind ausstrahlt und lebt.
    Du hast ein unentwegtes, belastendes, herausforderndes Leben. Du stellst Dich jeder Situation, in jeder Form und doch scheint es dieser Weichheit und Wärme, die Dich ausmachen, nichts anhaben zu können.
    Ich sehe es mal so, man hat immer mal unliebsame Gäste. Bildlich gesehen hast Du „Ingeborg“ gegenüber, von Deinem Hausrecht Gebrauch gemacht. Du hast sie rausgeworfen, einfach so. Auch wenn es nicht einfach war. Sie wurde schon schwerfällig und brauchte einen Schubs. Vor allen Dingen, Du schenktest ihr keine Beachtung. Du hast eine Gabe, die Dinge, zum richtigen Zeitpunkt zum Positiven zu wenden. Wohl den Menschen mit diesem inneren Frieden.
    Bleib gesund und guter Dinge
    LG. Hilde

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  3. Danke für Deinen Mega-Ähnlichen Blog. Ich hatte zwar keine Wochenbett-Depression, aber nach Mimis Geburt bin ich auch barfuß durch die Hölle, ohne Rückfahrticket. Ich finde es super, dass Du auch von Ingeborg geschrieben hast. Es ist leider immer noch so: Wer sich den Arm bricht, ist krank, wer seelisch leidet, „stellt sich an“. Das ist natürlich Quatsch, das müssen wir ändern. Danke, dass Du Deinen Teil dazu geleistet hast!

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