der erste Hochzeitstag ohne Hochzeitstag

Heute vor einem Jahr war ich so ziemlich der glücklichste Mensch der Welt. Unser Held und ich haben geheiratet, zusammen mit vielen Freunden und der Familie die Party unseres Lebens gefeiert. Wir wussten schon damals, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt sein wird, aber das war an diesem Tag einfach egal.

Wir feierten. Wir waren glücklich und ich unendlich dankbar, diesen Mann, meinen Mann heiraten zu dürfen.

Seit Herbst geht es nun kontinuierlich bergab. Wir hangeln uns von Therapie zu Therapie. Vor einer Woche befürchtete ich, dass wir unseren ersten, echten Hochzeitstag nicht mehr zusammen erleben dürfen. Unser Held kam auf die Intensivstation.

Inzwischen liegt er wieder auf der normalen onkologischen, mehr zu ihm im nächsten Heldenupdate. Nur soviel; Blutwerte sind besser und die Lungeninfektion scheint tatsächlich in den Griff bekommen zu sein. Unser Held ist stabil. Das Immunsystem kommt zurück. Der Kunibertwert; die Leichtketten werden morgen wieder bestimmt.

Ich hatte bereits gestern ein komisches Gefühl im Bauch, dass ich so gar nicht beschreiben konnte. Seit gestern Mittag hörte ich nichts mehr. Ich habe gestern Abend und heute früh in der Klinik angerufen, die Schwestern sagten dass er weiterhin stabil sei und viel schläft da er sich gestern Tavor hat geben lassen. Tavor ist ein starkes Beruhigungsmittel, dass den Helden mehr umgehauen hat, als gedacht.

Als ich heute, am späten Vormittag das Heldenzimmer betreten habe, sah ich einen Helden, der im Schneidersitz und offensichtlich ohne Schmerzen auf seinem Bett sitzen. Im ersten Moment freute ich mich, auch wenn ein Gesicht, besonders die Augen anders ausgesehen haben als gedacht. In meinem Rucksack hatte ich die Geschenke versteckt, die ich ihm später geben wollte. Nach etwa zwei Minuten sprach der Held sehr, sehr seltsame Dinge. Er suchte ständig irgendwas, obwohl er es in der Hand hielt. Als es Mittagessen gab, konnte er die Gabel nicht zum Mund führen, so dass ich ihm helfen musste. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er nicht wusste wer ich bin. Er meinte auch, dass er gerade seine Frau anrufen wollte und nun sein Telefon nicht mehr ausgeht. Ich stand vor ihm.36064124_1728599910568032_3981326815288360960_n

Ich suchte also nach einer Schwester und der Ärztin. Beide sagten, dass unser Held gestern eben dieses Tavor bekommen hatte. Weiterhin ist es so, dass die mental fitten Patienten dort ihre Tablettenration für den Tag in einem Tagesblizter hingestellt bekommen. Das ist in vielen Kliniken üblich. Unser Held war heut Morgen aber nicht mental fit, hoffentlich nur aufgrund von Tavor. Er nahm alle Medikamente für den Tag auf einmal. Das ist nicht lebensgefährlich, sorgt aber dafür, dass unser Held komplett ausgeschalltet ist. Zumindest der Kopf. Wenn er laufen könnte, hätte ich Angst dass er einfach die Station verlässt.

Ich habe mehrfach das Zimmer verlassen müssen um einmal tief durchzuatmen. Als ich wieder reingegangen war sah ich ihn, sitzend auf seinem Bett, mit dem WM Trikot an. Er fragte mich was ich glaube wie Deutschland heute spielen wird. ich erzählte ihm dass ich glaube das „wir“ 2:1 gewinnen werden, in letzter Minute. Er war skeptisch und schlief wieder ein. Irgendwann wollte er etwas aufschreiben, außer ein paar Srichzeichen kam aber nicht viel dabei heraus. Am schlimmsten aber waren die Momente, an denen er kurz etwas klarer war, dann bemerkte er, dass etwas nicht stimmt. Zum Glück waren das immer nur wenige Sekunden.34984421_1728599613901395_6383077286035324928_n

Nach zwei Stunden bin ich wieder gegangen. Die Geschenke habe ich wieder mitgenommen. Ihn an den Tag heute erinnert habe ich nicht, vermutlich ist es sogar besser so, wenn er das nicht weiß. Ich hoffe dass es tatsächlich nur an der Überdosis liegt und unser Held morgen wieder etwas klarer ist.

Das größte Geschenk hat er mir dennoch gemacht. Simon ist noch da und ich konnte bei ihm sein, auch wenn er heute nur wenig er selbst gewesen ist. In einer klaren Sekunde meinte er, dass er dankbar ist dass ich da bin. Ich meinte nur, dass ich ichts bedeutenes mache, den wirklich harten Job hat er. Ich weiß nicht, ob unser Held diese Kriese überwinden kann. Aber ich merke dass er kämpft und ich hoffe er schafft es weiterhin. Ich hoffe, dass wir den heutigen Tag irgendwann zu Hause nachholen, mit bestellter Pizza, Carameleis und anderen ungesunden Dingen.

Ich vermisse meinen Mann, heute besonders. Auf der anderen Seite hörte ich heute mehrfach den Satz, dass er stabil sei. Ich sehe ihn kämpfen und ich weiß dass er das für uns macht. ich würde ihm gern Danke sagen, dafür dass er heute dagewesen ist. Danke, dass er kämpft wie ein Löwe.36087768_1728599430568080_7584382537829449728_n

Kurz vor dem verlassen der Klinik sah ich noch die Krankenhauskatze. Dieses Tier ist ein anscheinend geduldeter Bewohner in der Vorhalle und zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich. Meist sehe ich sie dort wenn es regnet und dunkel ist.36176427_1728599543901402_9020001646012268544_n

Morgen, wenn die Kinder in der Schule und Kita sind fahre ich wieder in die Klinik, in der Hoffnung dass der Heldenkopf dann wieder etwas klarer ist. Die Geschenke lasse ich in meiner Tasche, solange bis es Sinn macht, ihm diese zu geben.

Ich hoffe dass unserem Helden heute nicht mehr einfällt welches Datum wir haben. Ich hoffe dass er einfach schläft und weiterhin keine Schmerzen hat. Ich hoffe dass er sich keine Gedanken um uns machen kann, weil sein Hirn weiterhin etwas schläfrig ist.

Morgen ist ein neuer Tag, wer weiß was da passiert.

Gegen 21 Uhr rufe ich nochmal auf der Station an und frage ob alles in Ordnung ist.

Den Nachmittag verbrachten die Kinder und ich zu Hause, bastelten und erzählten Witze. Eis gab es selbstverständlich auch, mit Marshmellows. Die mögen sie besonders.35270212_1726715707423119_6774692421264474112_n

Später, wenn alle im Bett sind, werde ich mich in den Garten setzen, mich darüber freuen verheiratet sein zu können und auf unseren Helden anstoßen.

Vorher werde ich noch die Klamotten waschen, die ich aus der Klinik mitgenommen habe. Dann hängen auf der Leine auch endlich wieder Sachen von ihm zum trocknen. Das sieht irgendwie schöner aus.

5 Gedanken zu „der erste Hochzeitstag ohne Hochzeitstag

  1. Liebe Ines,
    meinen Glückwunsch zu Deinem Hochzeitstag. Deinem eigentlich bedeutungsreichen, wundervollen, zweiten Tag in Deinem Leben. Ja, er sollte gefeiert werden, mit dem Menschen, dessen Liebe erwidert wird. Leider geht es nicht immer, oftmals wird er vergessen von einem Partner und viele Male ist es unmöglich ihn gemeinsam zu feiern.

    Der Mann, den Du liebst, war anwesend, körperlich, nicht ausreichend geistig. Du hast ihn gesehen, vielleicht ihn umarmt. Es war/ist vielleicht in diesen Momenten, nicht der Mann den Du kennst/kanntest. Er ist mit sich allein, in einer Welt, in der Du nun kein Zutritt hast. Er ist allein, unendlich allein. Aber er hat Dir etwas hinterlassen, ein Bild seiner Liebe zu Dir. Seinen Glauben und seiner Überzeugung an Dich.

    In Deinem Post zum 21. Mai, zeigt er Dir wie sehr ihr miteinander verbunden seid, obwohl ihr Euch von einander, auf anderen Ebenen bewegt. Nur ein loses Seil hält Eure Verbindung zu einander.

    Worte die er schrieb, sprechen von der innigen Liebe, die Deinen Ballon den Auftrieb geben. Er selbst ist am anderen Ufer.
    Mehr kann eine Frau nicht geschenkt bekommen, als eine solche Liebeserklärung. Das Seil ist nur noch eine lockere Bindung, vielleicht kann die menschliche Kraft es nicht mehr straffen. Verstehe, wenn Du kannst und darfst, lege Dich zu ihm, wärme ihn. Er muss dich spüren können, auch wenn Du ein steriles Hemd anziehen musst. Es sind Ausnahmezustände, die erfordern ungewöhnliches Verhalten.

    Lieben Gruß

    Hilde

  2. Liebe Ines, es ist schoen dass Du Deinen Simon besucht hast. Es ist auch schoen, dass Du ihn hast und dass er Dich hat, Ihr beide seid noch fuereinander da. Das ist sehr sehr viel in dieser Situation. Du weisst es und ich mag nur erzaehlen, dass wir vor 3Tagen Heldinnengeburtstag gefeiert haben. Den ersten ohne sie. Und so wird es wohl auch in Zukunft sein. Aber solange sie noch bei uns war, hatte sie mehr Kraft als ich. Ich war nur mutiger wenn es darum ging, mit ihr zusammen im Bett zu liegen in der Klinik im Sueden von Berlin und auch spaeter in B…..und wir haben Dinge angestellt, die wir vorher nie gemacht haetten, ein bisschen mehr verrueckt ebend. Warum denn nicht, schliesslich ist ja das ganze Leben verrueckt. DieNaehe war uns gerade in dieser Zeit sehr wichtig und wir haben dies bis zum Schluss geniessen duerfen. Die Liebe macht dies alles moeglich.
    Jemanden umarmen heisst hier im Land der Trolle, jemandem einen klem geben. Ich habe mir dies oft geholt von Freunden, Bekannten und von den Kindern. Ich habe es fuer mich eingefordert und es hat mir sehr geholfen. Naehe, Waerme, Mitgefuehl…
    Lass Dich einfach umarmen Ines!

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