Wie ist das eigentlich mit der Einsamkeit

Einsamkeit ist ein großes Thema aller Hinterbliebenen. Wenn vorher der Lieblingsmensch gepflegt wurde, vermutlich erst recht. Es gibt Trauernde, die sich nicht verkriechen, die die Nähe von Freunden und Familien suchen. Und es gibt Hinterbliebene wie mich, die nicht verstehen, warum in der Welt einfach alles weitergeht wie bisher.

Ich gehöre zu denen, die am liebsten wildfremde Menschen fragen würde, wenn sie im Supermarkt die ersten Adventskalender oder Lebkuchen einpacken: „Wie könnt Ihr Euch nur auf Weihnachten freuen, wisst Ihr denn nicht was passiert ist?“. Ich versuche, Besuche im Supermarkt so selten und kurz wie möglich zu halten. Wenn am Wochenende die Prospekte im Briefkasten landen, verhält es sich ähnlich. „Besinnliche Weihnachten mit den Lieben“ steht da. Es sind Dinge abgedruckt, die unser Held sonst immer gekauft hat. Dinge, die ich eigentlich gerne mag, er hat sie mir dann oft mitgebracht. Dieses Jahr bringt sie niemand mit, ich kann das alles auch gar nicht sehen. Diese Artikel werden dort abgebildet wie jedes Jahr, obwohl doch alles so anders ist. Wie kann das sein?img_20171126_122542_2154224437543704085904.jpg

Ich sehe die ersten Grabgestecke im Supermarkt und in Blumenläden liegen. Totensonntag und so. Der ist doch irgendwann kurz vor dem ersten Advent. Verdammt. Noch nie interessierte mich so etwas. Dieses Jahr sehe ich diese Gestecke überall. Statt „Weihnachten mit den Lieben“ stolpere ich über den Totensonntag.

Dezember wird hart und ich habe noch immer nicht die geringste Ahnung, wie ich das hinbekommen soll. Bald werde ich die Adventskalender der Heldenkinder füllen und mir über Geschenke Gedanken machen. Dieses Jahr werde ich nur zwei Kalender vorbereiten, sonst waren es immer drei. Im Dezember feiert Simon seinen 38. Geburtstag, im Wald, als Baum. Im Dezember wären wir 10 Jahre zusammen. Im Dezember gibt es Weihnachten und Silvester und ich hab keine Ahnung was wir an all diesen Tagen machen werden. Die Vorstellung, dass diese Tage bald da sind und wir nur zu Dritt, ist gruselig und fast nicht auszuhalten.20171224_153151

Es gibt Hinterbliebene, die genau an diesen Tagen Nähe suchen. Nähe zu Vertrauten. Und es gibt mich. Ich könnte uns vermutlich Weihnachten auch irgendwo einladen, Silvester und Simons Geburtstag vielleicht auch. Aber…ich hätte ständig das Gefühl, der Stimmungskiller zu sein, weil ich vermutlich nicht sonderlich gut und besinnlich gelaunt sein werde. Ich möchte meine Stimmung nicht übertragen. Auch fällt es mir im Moment sehr schwer, unter Paaren zu sein, Familien in denen alles „beim Alten ist“. Familien, die vollständig sind und nicht aus Mitgliedern bestehen, die Abends alleine auf dem Sofa sitzen oder die Wohnung nachts putzen, nur um vor Einsamkeit nicht durchzudrehen.

Ich müsste nicht einsam sein, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich kann nicht „Kann ich kurz rüberkommen, mir geht’s gerade nicht gut“ sagen. Ich schaff das nicht und ich will das auch nicht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die ersten 6 Monate bei vielen Betroffenen so ablaufen. Ich bewundere die, die das anders machen. Ganz ehrlich, ich ziehe meinen Hut vor Euch. Es gibt online jede Menge Seiten, die sich mit dem Thema beschäftigen, wie die ersten Feiertage ,nachdem ein Lieblingsmensch verstorben ist“ ablaufen könnten. Was kann man machen, damit es erträglicher wird. Von neuen Ritualen wird dort gesprochen, davon die Familie zu besuchen oder die Kinder. Häufig hab ich das Gefühl, dass diese Tipps eher für ältere Menschen sind.img_20180303_210902_2338042681588132921358.jpg

Meine Kinder wohnen noch bei mir. Die Einhornbändigerin ist Weihnachten abwechselnd bei Papa 1 oder bei uns. Dieses Jahr ist Papa 1 dran, daher werden der kleine Batman und ich allein feiern. Irgendwie. Silvester sind wir zu Dritt. Am Heldengeburtstag auch. Am 10 jährigen Jubiläum sowieso.

Ich fühle mich einsam, besonders wenn es leise oder dunkel ist. Ich fühle mich einsam, auch wenn andere Menschen um mich herum sind. Ich fühle mich einsam, wenn sich andere Paare ansehen, sich umarmen oder auch streiten. Und ich bin mir sicher, dass es unserem Umfeld zum Teil bewusst ist und es daher noch schwieriger ist, mit mir „umzugehen“.

Ich bin schwierig, ich bin kompliziert und steh mir oft selbst im Weg. Das was ich meinen Kindern vermittle – geht raus, geht spielen, habt Spaß – das gelingt mir selbst oft nicht. Und das ärgert mich am meisten.

Im Februar wird es ein Buch über uns geben. Ich habe es geschrieben. Das Cover steht, bei Amazon waren wir am ersten Tag auf der Bestsellerliste (inzwischen nicht mehr, das ändert sich da ständig). Ich freute mich, wirklich. Und dann wollte ich Simon anrufen, um „Du kannst Dir nicht vorstellen was ich gerade gesehen habe“  hinein zu schreien. Das ging aber nicht. Genauso gab es weder ein High Five noch ne Umarmung. Das war merkwürdig, das war einsam. Es ist einsam, mit niemanden darüber sprechen zu können. Vermutlich gäbe es Menschen, die sich das auch anhören würden, allerdings habe ich dann immer das Gefühl, „zu nerven“.img_20181015_1255213711882489189254387.jpg

Für mich gibt es auch andere Themen als Simon, natürlich gib es sie. Aber unser Held war mein Held. Und er ist ein riesiges Thema für mich, jeden Tag. Es macht mich fast wahnsinnig. Eines der häufigsten Wörter, die Simon in seinen letzten zwei Wochen benutzt hatte war „Freakshow“. Sein Hirn war von Kunibert vereinnahmt worden, am Anfang merkte er das noch, irgendwann zum Glück nicht mehr.  Dann lebte er in seiner eigenen Welt, weit entfernt von unserer. Manchmal hat er mich dahin mitgenommen.

Jetzt befinde ich mich in meiner ganz persönlichen Freakshow. Ich versteh die Welt um mich herum manchmal nicht. Viele Dinge erscheinen mir suspekt. Dabei bin ich die, die etwas „spooky“ geworden ist. Also noch mehr als früher sowieso schon.

Nach außen versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Manchmal klappt das, andere Male nicht. Ich will nicht die sein, die sich vor lauter Einsamkeit selbstbemitleidet.36860422_1753984748029548_5664551543999823872_n

Der Alltag mit den Heldenkindern klappt, wir backen Brot und kochen unser Abendessen. Wir gehen am Wochenende häufig irgendwohin, besuchen das Feld oder suchen einen Schatz. Wir machen Hausaufgaben und rechnen zusammen, wie viele Äpfel noch im Obstkorb sind, wenn jeder einen gegessen hat. Wir lesen gute Nacht Geschichten oder hören Musik. Wir streiten und zicken uns manchmal auch recht derb an. Tagsüber ist es okay, weil ich abgelenkt bin. Nur gehe ich Festen und Supermärkten aus dem Weg.

Bald ist es soweit. Die Lebkuchen und Spekulatius in den Supermarktregalen verraten es. Die Trauerkränze ebenso. Ich in noch nicht soweit, die Zeit aber interessiert es nicht. Immerhin wird dieses Jahr das „wir schenken uns nichts“ klappen. Sonst war dem eher nicht so.

Die Heldenkinder hingegen freuen sich sehr. Auf Lebkuchen sowieso, den lieben sie. Aber auch auf die vielen Lichter, die überall zu sehen sein werden. Sie freuen sich auf die  Adventskalender, die im Flur hängen werden. Sie freuen sich auf Raclette, das haben wir immer an Heiligabend gemacht. Sie freuen sich auf das Schuhe putzen, bevor der Nikolaus kommt. Sie freuen sich auf viele Kerzen und auf das Kuchen backen an Simons Geburtstag. Denn den bringen wir unserem Helden vorbei. 36926062_1753986648029358_2078187752293138432_nDie Heldenkinder freuen sich auf die Freude. Das ist so großartig und macht mich unheimlich stolz. Die zwei Minihelden vollbringen damit etwas, das so viel Kraft erfordert, dass ich mir manchmal gar nicht erklären kann, wo sie die nur hernehmen. Sie schaffen etwas, das mir im Moment schwer fällt. Sie glauben. Sie hoffen. Und sie wissen, dass der Dezember trotz allem schön und aufregend sein wird. Zuversicht nennt man das glaube ich.img_20171028_085617_2291319264887515602943.jpg

Und dann gibt es aber auch Tage, an denen die Minihelden einbrechen, weil ihnen alles zu viel ist. Gestern war Halloween, zunächst war alles gut. Unsere Nachbarn feierten eine kleine Party, ich fühlte mich fehl am Platz aus bereits besagten Gründen und verzog mich irgendwann. Alle lachten, hatten Spaß und waren vollzählig. Der kleine Batman wollte sein Lieblingslied hören. Als es lief, fing er plötzlich an, schrecklich zu weinen. Er hört das Lied oft, mindestens 10 Mal am Tag, weinen tut er nie. Er singt immer mit. Gestern aber weinte er, weil er vermisste. Zuhause erzählte er mir, dass es gemein ist, dass alle einen Papa haben, nur er nicht. Er sagte, dass unser Held nicht tot sein soll, dass er wieder runterkommen muss. Die vielen Menschen, die vielen Papas die draußen unterwegs waren, überforderten den Minihelden. In diesem Moment war Leo auch einsam, ganz tief in sich drin. Es ist dann egal, wie viele Menschen um uns herum sind, die Einsamkeit bleibt.

Ich habe auch gelesen, dass man alle Feste ein mal durchleben muss, dann wird es besser. Ich höre, dass ich Geduld haben und weniger streng mit mir sein soll. Mich nervt das. Ich nerve mich. Aber ich hoffe inständig darauf, irgendwann wieder normaler zu sein. Bis es soweit ist werde ich vor allem eins machen: atmen. Ein- und ausatmen.

5 Gedanken zu „Wie ist das eigentlich mit der Einsamkeit

  1. ((())) mir fehlen die Worte. Es sind grausam schwere Tage die da vor Euch liegen. Kann nur etwas Kraft senden. Mein Chef ist Palliativmediziner und er sagt, es ist wichtig, den Schmerz zu fühlen, weil wenn man ihn betäubt er nur noch stärker zurück kehrt. Du gehst Deinen Weg der Trauer und das ist vollkommen in Ordnung.

  2. Das erste Jahr ist das härteste, weil es aus so vielen ersten Malen besteht, die einfach nur schmerzlich sind, weil man nur spürt, was nicht mehr da ist. Es wird besser. Das zweite Jahr wird leichter. Aber auch dieses „leichter“ ist nicht immer einfach. Ich fiel damals erneut in ein tiefes Loch, als die Trauer leichter wurde. Irgendwie war die Trauer doch das Letzte, was ich noch hatte. Es war ebenfalls ein Verlust, den ich auch betrauerte. Aber danach kam ich wieder im Leben an.
    Und die neuen Rituale kommen von alleine. Es wird ein Mischmasch aus altem und neuem sein.
    Und gehe unter Menschen, die dich und deine Trauer akzeptieren. Denen Di sagen kannst: „Ich komme, aber ich weiß nicht wie es wird. Es kann sein, dass ich früh gehe.“ Es gibt diese Menschen. Und von den anderen, die meinen „So langsam sollte sie aber…“ halte Dich fern.

  3. Jeder geht anders mit all den Folgen um und selbst geht man auch immer wieder anders damit um. Was im ersten Jahr unvorstellbar und fast zerreißend ist, ist in den nächsten drei vollkommen ok, ist im 5. Jahr plötzlich wieder vollkommen verstörend, im 6. erzürnend und im 7. plötzlich wieder ok.
    Ich finde auch nichts absonderliches daran, Menschen nicht zu wollen und Kontakt nicht zu können. Ich habe alles gekippt was ich hatte nach der Pflege und dem Verlust. Meine Beziehung, fast alle Freundschaften, Ideale, Träume, familiärer Kontakt… Alles war zu irgendeinem Zeitpunkt vollkommen störend. Und Wut und Ohnmacht und Unverständnis ein steter Begleiter.
    Phasenweise habe ich online Kontakte gesucht nur um sie bei steigender Bindung sofort zu beenden. Für eine wirklich intakte Beziehung hat es weitere 7 Jahre gedauert.

    Weihnachten habe ich die ersten Jahre absichtlich vollkommen übergangen. In Ermanglung von Kindern konnte ich das erste Weihnachtsfest und die Feiertage gebührend feiern: entweder arbeitend oder betrunken oder beides nacheinander und auch jetzt bin ich der Ansicht, ich hatte das Recht dazu. Ich habe 2 Jahre alles investiert an guten Gedanken und Liebe. Jetzt durfte ich auch einfach mal gar nichts sein. Nicht glücklich, nicht besinnlich, nicht gesellig. Hohl. Und dann war der Dezember vorbei und es kam ein neues Jahr und viele folgten. Manche gut, manche eher nicht so.
    Ich ertrage es immer noch eher schwer, wenn mein Mann mit seiner Mutter manchmal hadert oder andere sich an Weihnachten über doofe elterliche Gaben beschweren. Dann denke ich mir oft: Ich würde auch heute noch fast alles erdenkliche geben, um mich auch darüber zu ärgern.

    Ich denke die Kids werden dich tragen, denn für sie wirst du auch dieses Mal über Grenzen gehen, die nur du allein fühlst.

    Und dann ist Januar und es bleibt genug Zeit bis zum nächsten mal Besinnlichkeit.

  4. Ja Ines, was wolltest Du anders machen? Wäre es dann wirkich anders?. Das Leben ist schon ohne Kunibert eine grosse Herausforderung, alles dies potenziert sich in Deiner Situation.
    Ich denke so manches mal, dass ich ein Zeichen auf der Stirn habe das mich als Zurueckgebliebener ausweist und ich will mich schämen dafuer obwohl das ja nicht sein kann.Und immer wieder kommen Augenblicke der Traurigkeit, der Wehmuetigkeit und des Fehlens in mein Leben. Und das alles was Du und wir die anderen erleben mussten kann man nicht so einfach erklären—aber die Anderen verstehen es nicht immer. Sie wissen auch nicht, wie sehr uns die zweite Hälfte fehlt aus unserem vorherigen Leben und was dies aus uns macht. Vieleicht kann die Vorfreude auf die Weihnachtstage, die vielen Lichter, das erste mal ohne den Mann und Vater die Traurigkeit verringern, Kerzenlicht, Duftkerzen und eine Leuchte an Simons Baum Dein Leben und das der Kinder erhellen!
    Es ist Euch und den vielen anderen Angehoerigen nur zu wuenschen.
    Liebe Gruesse aus dem Land der Trolle!

  5. Hallo Ines,

    85 Tage and still counting. Ihr Geburtstag ist bald da, ich weiß noch nicht, wie ich den überstehen soll.

    Ihr rockt das Leben und ich bin froh Deinen Blog lesen zu können.

    Uwe

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