Sarkasmus können die: Liebe Uniklinik

Liebe Mitarbeiter der Uniklinik,

ich freue mich immer über Post, besonders wenn es zur Abwechslung mal keine Rechnungen sind. Letzte Woche zum Beispiel kam eine Rechnung vom Sanitätshaus, die mir die Nutzung und Abholung des Heldenrollstuhls in/aus der Klinik berechnen. Unser Held war immerhin drei Tage stolzer Besitzer dieses Gefährts. Er saß zwar nie drin und konnte es eben drei Tage nach der Lieferung nicht mit in den Himmel nehmen, aber ich verstehe die Rechnung.

Dann diskutiere ich mit einem anderem Sanitätshaus, die uns einen Klostuhl geliefert haben. Allerdings war der Held zu diesem Zeitpunkt bereits im Himmel. Beantragt haben wir dieses Ding im April. Die Kosten werden natürlich nicht von der Krankenkasse getragen. Das verstehe ich immerhin noch zur Hälfte. Von diversen Zuzahlungen für zich Medikamente, die alle samt nicht wirkten, möchte ich nicht sprechen. Die gute Nachricht aber: Dronabinol, medizinisches Cannabisöl, wurde jetzt für Simon bewilligt. Witzig oder?

Liebe Mitarbeiter der Uniklinik, ich dachte, dass da nun eigentlich nichts mehr kommen kann, dass die Cannabiszusage alles toppt. Ich muss zugeben, dass ich mich geirrt habe. Sie können das nämlich.IMG_20180617_133219_148.jpg

Heute hatte ich Post von Euch im Briefkasten. Im Normalfall ist das wieder irgendeine Rechnung für irgendein Chemomedikament, entweder eine Zuzahlung oder der Hinweis, dass die Kasse nicht zahlt. What ever, ich kenn das schon.

Nein, diesmal hatten Sie eine besondere Überraschung für mich. Der Brief war an unseren Helden adressiert, ich habe mir erlaubt diesen zu öffnen. Immerhin haben wir den gleichen Nachnamen. Sie stellen Simon ein neues Projekt vor, ein onkologisches Social Care Projekt.  Ein spezielle (palliative) Krankenschwester, die unseren Helden zusätzlich betreuen könnte, auch außerhalb der Klinik. Eine Ansprechpartnerin in vielen Belangen. Die Ansprechpartnerin ist eine „Social Care Nurse“, sie hört zu, hilft bei allen Anliegen rund um die Krebserkrankung und vermittelt. Schließlich hätte sie gute Kontakte. Diese Person würde Simon ein Jahr lang begleiten.img_20181108_2057454372421014101155008.jpg

Liebe Mitarbeiter der Uniklinik, Sie hoffen, dass der Nutzen bald wissenschaftlich nachgewiesen wird, immerhin hört sich „Social Care Nurse“ eindeutig moderner an als Sozialarbeiter oder Palliativteam, keine Frage. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

Sie laden Simon zu einem persönlichen Gespräch ein, um ihm alles weitere zu erklären. Sie laden ihn nicht in irgendeine Klinik zum Gespräch ein. Nein. Der Absender ist die Klinik, in der unser Held als letztes gelegen hat.

Liebste Mitarbeiter, da gibt es nur ein klitze kleines Problem. Ich weiß nicht genau wie ich unseren Helden darüber informieren soll. Ich wollte ihn zunächst anrufen. Aber halt. Das geht ja gar nicht. Ich weiß nicht, ob Sie es schon wussten. Aber Simon ist gestorben. Vor vier Monaten. In Ihrer Klinik. Auf der Station, die auch im Brief vermerkt ist. Denn dieses Projekt ist für Patienten von drei Stationen ihrer Klinik relevant. Ich hab gerade erst die Rechnung für die 5 Tage Kühlung bei Ihnen bezahlt, bevor er vom Bestatter abgeholt wurde. Ich bin die, die erst vor wenigen Wochen den Entlassungsbericht aus Ihrer Klinik bekommen hat. Von April. Der mit den Worten  „Der Patient wurde im guten Allgemeinzustand in die häusliche Versorgung entlassen“ endete. Der Brief in dem auch stand, dass 95% des blutbildenen Systems aus Kunibert bestehen. Erinnern Sie sich?

Es tut mir also sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass mein Mann nicht zu einem Termin kommen kann.

Vielleicht sollten Sie das nächste Mal die Liste der „möglichen Patienten“ und Studienteilnehmer zunächst genauer durchsehen, um festzustellen, ob alle noch lebendig sind.

Ein Kompliment möchte ich Ihnen noch machen. Sarkasmus können Sie. Und ich dachte noch, dass ich darin unschlagbar wäre. Chapeau.

img_20181108_1126154730164864184698440.jpg

10 Gedanken zu „Sarkasmus können die: Liebe Uniklinik

  1. Liebe Ines, ich verfolge deinen Blog schon lange. Mit tiefstem Respekt für dich, die Heldenkinder und auch für deinen Helden.

    Dieser Brief vom Klinikum ist eine Farce!
    Bitte schicke deine Antwort, genauso wie du sie eben in deinem Blog geschrieben hast.
    Eigentlich ist dies sogar einen Leserbrief in einer großen Zeitung wert!

    Alles Gute weiterhin.
    Nicole

    1. Das sehe ich ganz genau so!!! Schicke die Antwort genauso wie du es oben geschrieben hast und veröffentliche das Ganze in einer Zeitung!

  2. Das ist so übel. Aber auch in Krankenhäusern geht’s zu wie in einer Behörde. Irgendwer arbeitet schlampig und dann passiert sowas. Ich kann nur Kopfschütteln! Liebe Grüße, Sabine

  3. Da gibts doch nicht. Immer wieder solche Nackenschläge. Zu deinen Zuzahlungen: hier mit selber Erkrankung haben wir die Beitragsbemessungsgrenze von 1% Zuzahlung beantragt (und problemlos erhalten). Vielleicht kannst du das noch bei deiner Krankenkasse einreichen. 🍀🍀🍀

  4. Unfassbar🙈🙉🙊das kann doch unmöglich ihr ernst sein 😡…..
    Es tut mir unendlich leid das du dich auch noch mit solchen Dingen rumschlagen musst🤐

  5. Es ist unglaublich wie die Bürokratie in vielen Fällen die Menschlichkeit mit Füßen tritt.
    So sehr das Gesundheitswesen in diesem Land auch viele Vorteile haben mag, solche Aktionen sind unglaublich taktlos. und schmerzvoll.
    Ganz viel Kraft!

  6. Auch wir haben rund 3 Monate nach Papas Tod Post von jenem KKH erhalten in dem er gestorben ist (in unserem Schreiben wurden wir gebeten einen Termin zur Nachsorge von Papa wahrzunehmen). Ich war stocksauer darüber und habe eine entsprechende E-Mail an die absendende Abteilung geschrieben (in unserem Fall die Radiologie) mit dem Hinweis dich bitte ALLE Stationen über Papas Ableben zu informieren. Um jetzt aber auch eine Lanze für die Mitarbeiter von KKHsern zu brechen: Ja die Organisation in diesen Einrichtungen läuft leider nicht immer wie wir uns als Angehörige das wünschen, ja ich war echt sauer, aber hey in den KKHsern arbeiten auch nur Menschen und ist es nicht wirklich toll wie sich diese Menschen ( also der Großteil von ihnen – Ausnahmen bestätigen halt auch hier die Regel) um kranke Menschen kümmern?
    In unserem Fall kam übrigens noch am selben Tag ein Entschuldigungsschreiben vom KKH retour …
    Ines – ärgere Dich nicht zu sehr darüber – Fehler passieren halt auch in den „heiligen Hallen“ einer Uniklinik….
    Liebe Grüße – fühl Dich virtuell gedrückt !!
    Susanne

  7. 😦 unfassbar .., ich kann mich den anderen nur anschließen. Sowas darf nicht passieren. Dafür gibt’s doch heutzutage diese Datenbanken. Leider kenne ich das hier auch. Erschreckend. Schick den Brief auf alle FällE so ab.
    Ich wünsche dir und deinen Kindern trotzdem ein schönes Wochenende.
    LG Kerstin🌟🎈🌟🎈🌟🎈🌟🎈🌟

  8. Da kann man sich nur wundern Kerstin. Auch meine Heldin war in diesem KKH und zwar so ziemlich am Anfang und waere fast angesteckt worden von einer Keimschleuder die ja unbedingt in ein Zimmer mit einer Krebskranken im Endstadium gescickt werden musste, wir kennen auch die aerztliche Ignoranz gegenueber Patienten und Angehoerigen besonders wenn es um Gespraeche ging und um Aufklaerung. Da es jedoch der zweite Krebsfall in meiner Familie war innerhalb eines Jahres so waren wir dann doch selber gut informiert um die Ausweglosigkeit und meine Heldin hatte besonders nach der Eigenerkenntnis und – einsicht wie eine Loewin um das Weiterleben gekaempft. Als sie wieder hier bei mir in Norwegen war, da ging es ruhig und systematisch mit der Behandlung, keine Kostenrechnungen weder waehrend noch nach der Behandlung. Alles Notwendige wurde sofort durchgefuehrt. Meine Hochachtung gilt der hiesigen Behandlung, eingeschlossen die lokale Krebskrankenschwester die auf Anruf zur Stelle war oder auch der ambulante Pflegedienst.. Und auch, dass meine Heldin im Koma liegend zum friedlichen Einschlafen nach Hause kommen durfte, innerhalb eines Tages war alles organisiert. Und weisst Du Ines, sie war auch eine wirkliche Heldin!

    Es gibt da natuerlich immer auch hier Zeichen von Sarkasmus, vergeht aber schnell. Ich liess die einfach zu und es geht auch nach mehr als einem Jahr nicht ohne Traenen und ohne Anflug von Traurigkeit. Es geht auch nicht ohne Stolz zu sein auf meinen Schatz!
    Du schaffst es Ines, es ist Vergangenheit geworden, unsere Helden sind jetzt ein bedeutender Teil unserer Geschichte geworden nachdem sie ein wichtiger Teil unseres Lebens waren.
    Liebe Gruesse aus dem Land der Trolle!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.