Liebe Uniklinik; Antwort auf meine Worte

Liebe Mitarbeiterin der Uniklinik,

letzte Woche habe ich Post von Ihnen bekommen. Wie ich auch schon letzte Woche erzählt habe, ist das an sich nichts ungewöhnliches. Ich bekomme häufiger Briefe mit diesem Absender. Letzte Woche aber war die Post für unseren Helden, Sie haben ihm von einem neuen Projekt erzählt und Simon zu dieser Studie eingeladen. In einem persönlichen Gespräch wollten Sie unserem Helden alles weitere erklären.

Ich reagierte hier.

Liebe Mitarbeiterin, bevor ich weiter auf Sie eingehe, möchte ich kurz erklären, warum ich öffentlich reagiert habe. Mein Mann war zunächst ambulant in Ihrem Haus in Behandlung. Im Juni dann stationär. Das Krankenhaus verlassen hat er drei Wochen später. Schmerzfrei. Friedlich. Gekühlt und im Sarg liegend. img_20180714_122855_2488917525772856379967.jpgWährend dieser drei Wochen gab es diverse  „Unzufriedenheiten“ meinerseits, zum Teil auch fahrlässiges Verhalten. Zumindest empfand ich es so. Vielleicht spielten auch meine Gefühle verrückt, wer weiß das schon. Damals beschwerte ich mich mehrfach, offiziell und deutlich. Gebracht hat es am Ende nichts. Hier erzählte ich kurz davon.

Liebe Mitarbeiterin der Uniklinik, es tut mir leid, dass ich mich in „unserem Fall“ für diesen Weg entschieden habe, aber meine Erfahrungswerte brachten mich dazu. Ob dies nun gut oder schlecht sei, ist mal dahin gestellt.

Sie haben diese Wahl von mir nicht kritisiert und das wiederum erfordert Größe, das muss ich zugeben.img_20181115_2147535585505472806894946.jpg

Heute war ich einkaufen, der Kühlschrank war leer und die Heldenkinder wünschten sich etwas Leckeres zum Abendbrot. Während ich zwischen Schokiweihnachtsmännern, Grabgestecken und Butter stand, war ich damit beschäftigt, nicht durchzudrehen und einfach nur meine Dinge zusammenzusuchen. Mein Handy klingelte. Ich hörte es nicht. Das „Kasse Drei bitte“, welches durch den Lautsprecher des Supermarktes hallte, war zu laut.

Ich bezahlte und stellte fest, dass ich die Hälfte vergessen habe. Zunächst aber hörte ich meine Mailbox ab. Ich hörte etwas, mit dem ich so nicht gerechnet hatte.

Ich hoffte letzte Woche, dass mein Post irgendwo in der Klinik ankommt. Eigentlich war ich mir fast sicher, ich war nur unsicher ob es auch an der richtigen Stelle landet. Sie sprachen auf meine Mailbox, meinten, dass sie diejenige wären, die Simon den Brief geschickt hat. Sie sagten auch, und das mehrfach, dass es Ihnen Leid täte. Immer und immer wieder. Eine Kollegin hätte sie auf unseren Blog hingewiesen. Sie wollten später nochmal anrufen. Bitte richten Sie ihrer Kollegin doch ein Danke aus. Obwohl, diese scheint ja mitzulesen. Liebe Kollegin: vielen Dank an dieser Stelle.

Ich setzte mich. Ich hörte die Nachricht ein weiteres Mal ab, nur um sicher zu gehen, dass Sie es tatsächlich auch sind. Ich hätte niemals mit einer Reaktion gerechnet. Und schon gar nicht von Ihnen. Ich war nur unsicher, warum Sie dies tun? Freiwillig? Oder wurden sie „nett“ darauf hingewiesen, dieses zu tun? Ich wusste es nicht.img_20180630_185659_8602566858988688508906.jpg

Liebe Mitarbeiterin, am späten Nachmittag haben Sie erneut angerufen. Ich nahm den Hörer ab. In ihren ersten 5 Sätzen hörte ich 4 Mal „Es tut mir wahnsinnig leid, das darf nicht passieren“.  Das klang so ehrlich, dass ich es Ihnen geglaubt habe. Ich fragte nach dem üblichen Prozedere, wie in der Norm vorgegangen wird, wenn Studienteilnehmer angeschrieben und eingeladen werden. Sie erklärten es mir, aufgrund meiner Nachfrage auch mehrfach. Zwischendrin kam immer wieder ein „Es tut mir so leid“. Ich glaube Ihnen. Ich glaube aber nicht, dass dieses „Missgeschick“ nur an Ihnen bzw. an einer Person gelegen hat. Dahinter hängt vermutlich eine lange Kette, so genau kenne ich mich nicht aus.

Liebe Mitarbeiterin, Sie haben eine Liste von Patienten bekommen, diese haben Sie angeschrieben. Eine Kontrolle, ob jeder Patient noch lebendig ist, gab es nicht. Niemand kontrollierte. Auch nicht die Menschen, die diese Liste erstellt haben. Da gibt es interne Lücken, die zwingend geschlossen werden sollten. Und das haben sie ganz genauso gesehen.

Mir stockte zwischendurch die Stimme, nicht weil dieser Brief so furchtbar grausam war, sondern weil Sie Fehler eingestanden haben. Es gab keinen Versuch die Situation zu beschönigen, Sie baten mich auch nicht, den benannten Blogpost zu löschen. Stattdessen stimmten Sie mir zu, dass die Durchführung von Studien besser geplant und organisiert werden sollte. Sie meinten, dass Sie fortan die Listen kontrollieren, bevor Briefe rausgehen. Ich glaube sogar, dass dies gar nicht in ihrem Aufgabenbereich liegt. Die Kontrolle obliegt doch bestimmt einer anderen Stelle.img_20180923_135126_5517395136185007622429.jpg

Liebe Mitarbeiterin, ich möchte mich an dieser Stelle ganz öffentlich bedanken. Zum einen für Ihren Anruf, zum anderen für die Tatsache, dass sie „unseren“ Vorfall innerhalb der Klinik zur Sprache bringen wollen. Sie wollen mit den Studienbeauftragten und Ärzten sprechen, damit sich dies nicht bei anderen Patienten wiederholt. Und ganz ehrlich, ich glaube sogar, dass Sie dies tatsächlich tun, auch wenn unsere Erfahrungen mit dieser Klinik bisher nicht unbedingt die besten waren.

Liebe mutige Mitarbeiterin der Uniklinik. Wissen Sie, ich schrieb diese Worte vor einer Woche nicht, weil ich eine Entschuldigung wollte. Ich schrieb sie auch nicht, um jemanden bloß zu stellen. Ich schrieb sie, weil ich wollte, dass diese Worte etwas ändern. Ich bin mittlerweile gut geübt, was das Öffnen von schwieriger Post angeht. Gestern kam die erste Mahnung von Simons Brillenversicherung, das Geld wurde sonst immer von seinem Konto eingezogen. Das geht jetzt nicht mehr, weil ich es vor kurzer Zeit habe auflösen lassen. Vorgestern schrieb die GEZ, dass das Einwohnermeldeamt mitteilte, dass Simon verstorben ist. Die wollten wissen, ob unser Haus noch bewohnt ist oder wir nun umgezogen sind. Im Moment warte ich noch auf eine Zuzahlungsaufforderung von dem letzten Chemotherapieversuch, zwei Tage bevor unser Held starb. Der Arztbrief müsste auch noch irgendwann kommen. Ich bin also routiniert und kann diese Dinge gut wegdrücken. Manche mehr, manche weniger gut. Aber es geht.img_20180313_063020_0231312375271319234597.jpg

Mich hat Ihr Brief nicht in ein zusätzliches Loch gerissen. Es war eher ein „Ist das deren Ernst?“ Gedanke, der durch mich gekrochen ist. Oder ein „Das passt jetzt irgendwie ins Bild“. Es gibt aber Angehörige, die haben noch keine so große Mauer um sich aufgebaut, wie ich es getan habe. Fehler passieren. Jedem. Dafür habe ich Verständnis. Ich mache ständig welche. Aber es gibt Dinge, die sollten nicht passieren. Liebe Mitarbeiterin der Uniklinik, wenn Sie Wort halten, scheinen die Chancen gut zu stehen, dass sich zumindest dieser Fehler nicht wiederholen wird.

Ich möchte an dieser Stelle auch sagen, dass ich immer noch leicht irritiert bin, was den Brief von letzter Woche angeht. Die „Einladung“ liegt seitdem auf meinem Tisch und ich habe sie jeden Tag angesehen. Ich bin mir fast sicher, dass Simon dieser Einladung nachgekommen wäre. Mich stimmt es traurig, dass er diese Möglichkeit nicht hat.

Dennoch möchte ich Ihnen sagen, dass ich meinen imaginären Hut ziehe. Vor Ihnen. Vor Ihrem Mut, mich anzurufen. Ich ziehe meinen Hut, weil es das erste Mal ist, dass es zu einer Reaktion gekommen ist. Ich ziehe meinen Hut, weil ich das Gefühl hatte, dass Sie dieses „Missgeschick“ klären wollten. Ich ziehe meinen Hut, weil es zu keiner Sekunde einen „Gegenangriff“ gab. Ich ziehe meinen Hut, weil ich glaube, dass dieser Anruf Ihnen vermutlich nicht leicht gefallen ist, und weil Sie etwas getan haben, dass inzwischen nicht mehr Selbstverständlich zu sein scheint. Es ging mir nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Tatsache, dass es Lücken in einem System gibt, welches mit sensiblen Themen hantiert. Diese Lücken sehen Sie auch. Das hätten Sie verschweigen können, taten es aber nicht. Daher heute ein ernst gemeintes „Chapeau“. Danke für diese Ehrlichkeit.img_20180411_070438_7772436012473501265326.jpg

Liebe Uniklinik, es gibt tatsächlich Mitarbeiter in ihrem Haus, die reagieren. Es gibt Mitarbeiter in ihrem Haus, die mehr reagieren als sie müssten. Liebe Uniklinik, diese Mitarbeiter brauchen Sie. Über so manch andere redeten wir bereits.

Liebe Uniklinik, dank dem Telefonat heute finde ich Sie ein kleines bisschen weniger schrecklich.

2 Gedanken zu „Liebe Uniklinik; Antwort auf meine Worte

  1. So toll 🎉und Glückwunsch liebe Ines❤…DAS beweist doch wieder einmal das du alles richtig machst👍Das es richtig ist deine Gedanken in diesem Blog nach aussen zu tragen…Es hilft dir UND es hilft anderen…denn ich bin mir sicher…soviele dieser Briefe werden nicht mehr versand…jedenfalls nicht aus der Klinik💪
    Prima…..sei stolz auf DICH 🎈🎈🎈🎈🎈

  2. Toll, dass es doch Menschen mit Rückgrat gibt. Ich bin ganz erstaunt, dass ihr Therapien selbst zahlen musstet. Die einzigen Rechnungen hier kamen nur bezüglich der Zuzahlungen beim Krankenhausaufenthalt. Und die hab ich von der Krankenkasse erstattet bekommen (1% Zuzahlung max. bei chronischer Erkrankung). Und mein Mann hat in den 9 Jahren MM leider auch schon viele Therapien durch .😕 Vielleicht kannst du noch mal Kontakt mit der Kasse aufnehmen? 🍀🍀🍀

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