Die Sache mit dem Schicksal

Letzte Woche gab es einige Posts auf Twitter über unser Buch. Einige von Euch, die dabei waren, haben getwittert. Eigentlich hat die gesamte erste Reihe währen der Premiere getwittert. Unter einem dieser Beiträge las ich folgende Antwort:

„Es heißt, dass einem das Schicksal nur so viel gibt, wie man tragen kann. Ich habe das Gefühl, dass diese Frau für drei trägt“

Ich habe mir diese Antwort einige Male durchgelesen und auch darauf geantwortet. Und nun habe ich das Bedürfnis, mich hier erneut dazu zu äußern.

Zu aller erst… ich glaube nicht an Gott. Ich glaube nicht an Allah, Buddha oder Batman. Aber ich glaube an das Schicksal, und ich glaube, dass nichts ohne Grund geschieht. Ich glaube daran, dass sich Menschen nicht zufällig treffen, und ich glaube auch daran, dass Dinge aus einem bestimmten Grund geschehen, auch wenn ich manchmal am Anfang nicht verstehe, wieso.

Ich glaube daran, weil es Dinge einfacher macht. Weil es mich wachsen lässt und weil es dadurch auch leichter fällt, gewisse Dinge, mein Päckchen, zu tragen.

Ich glaube wirklich daran, dass einem das Schicksal nur so viel gibt, wie man in der Lage ist zu tragen. Ich trage nicht für drei, ich trage nur für mich. Einzig und alleine mein Päckchen. So wie jeder eines mit sich herum schleppt.

Ich sagte es auf diesem Blog bereits mehrfach, ich bin der Überzeugung, dass es kein Päckchen gibt, das schwerer ist als andere. Im Laufe des Lebens sammelt jeder Mensch auf seinem Weg das eine oder andere Päckchen ein. Mit der Zeit werden es vermutlich mehr als nur eines sein.

Es ist etwas vergleichbar mit Sport. Wenn ich das erste Mal Hanteltraining mache, beginne ich mit leichten Gewichten. Allein die scheinen am Anfang unbezwingbar, der Muskelkater danach ist fürchterlich und manchmal kaum auszuhalten. Mit der Zeit fühlen sich die Gewichte leichter an, weil meine Muskeln gewachsen sind. Dann kommen weitere Gewichte hinzu. Es beginnt von vorn. Es ist anstrengend, und manchmal denke ich darüber nach, ob ich es schaffen kann. Wenn ich aber nicht aufgebe, werden auch diese Gewichte mit der Zeit stemmbar, weil meine Muskeln gewachsen sind. Ab und zu brauche ich jemanden, der mir beim Gewichte stemmen helfen muss, ab und zu geht mir die Puste aus, und ich probiere es am nächsten Tag erneut. Aber es geht weiter.

Ein Päckchen, das für den einen Menschen unbezwingbar scheint, scheint für andere vielleicht lächerlich gering zu sein. Ist es aber nicht. Ein „Päckchen“ ist eine physische oder psychische Belastung, die absolut subjektiv wahrgenommen wird. Niemand außer Euch selbst weiß, wie schwer es sich wirklich anfühlt. Jedes Päckchen ist gleich schwer. Gleich belastend. Jedes Päckchen erfordert die eigene Kraft, um es heben und sogar tragen zu können.

Ich habe mich noch nie gefragt „warum wir?“ Es gab oft Momente, in denen war ich sauer, wütend und habe unserem Schicksal den Mittelfinger gezeigt. Ich habe es angeschrien, es verflucht und wäre am liebsten vor ihm davon gelaufen. Das alles aber hätte nichts genützt.

Ich bin wahnsinnig erschöpft vom Tragen. Ich bin erschöpft vom Atmen. Ich bin aber auch erschöpft vom Fluchen und Hassen. Denn diese beiden Dinge bringen mich nicht weiter. Sie bringen uns nicht weiter.

Ist das Päckchen erstmal da, gibt es zwei Optionen. Resignation oder Muskeltraining. Auch wenn die letzte Option recht zeitintensiv und anstrengend ist, das war unsere Lebenseinstellung. Das soll unsere Einstellung bleiben.

Das Leben ist schön, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Aber ich habe Angst vor einem unerfüllten Leben. Für mich, für unsere Kinder. Diese Angst treibt mich voran und sorgt dafür, dass meine Muskeln nach und nach zu wachsen scheinen.

Ich trage nicht für Drei, ich trage nur für mich. Unsere Kinder tragen jeweils für sich. Wir unterstützen uns aber gegenseitig.

Ich glaube daran, dass sich Türen im Leben schließen. Das ist scheiße, das tut weh und macht unheimlich müde. Aber ich glaube auch daran, dass sich dafür andere Türen öffnen. Und ich weiß, dass auch unser Held mit diesen Gedanken gelebt hat.

Ich weiß noch nicht, welche Türen sich nun für uns öffnen werden. Welche Tür mutig genug ist, uns und unser Päckchen hineinzulassen. Aber ich glaube daran, dass dies geschehen wird.

Simon, unser Held, wird immer ein großer Teil von uns sein. Er wird für immer einen festen Platz in unseren Herzen besitzen. Wir werden diesen fantastischen Mann nie vergessen. Und dennoch gehen wir nun unseren Weg ins Leben 2.0. Ein Leben auf Erden ohne Simon an der Hand. Ein Leben, in den wir keine Türen suchen, sondern daran glauben, dass sie einfach aufgehen, wenn es an der Zeit ist.

Wir tragen unser Schicksal. Es ist manchmal wirklich schwer, aber es hielt in der Vergangenheit auch so viele tolle Dinge für uns bereit, dass ich darauf hoffe, dass es dies auch in Zukunft immer mal wieder tun wird.

Bis es soweit ist, trainieren wir unsere Muskeln, damit das Tragen unseres Päckchens jeden Tag ein kleines bisschen leichter fällt.

7 Gedanken zu „Die Sache mit dem Schicksal

  1. Es fällt nicht leicht, in einer Situation wie Deiner, seine Gefühle und Gedanken zu sortieren und zu diesen Einsichten zu gelangen. Die Metapher mit dem Training ist gut gewählt. Jeder kann tatsächlich nur die eigenen Muskeln trainieren- aber wir können uns gegenseitig dabei helfen. Die andere Alternative wäre, sich in seinem Schmerz zu vergraben und gehen zu lassen. Gut, dass Du diesen Weg für Dich und Deine Kinder nicht in Betracht gezogen hast.

  2. Das hast du schön geschrieben 💪😘

    Dein Buch ist heute angekommen und ich freue mich schon drauf es zu lesen 😀

    LG Sabine 😘

  3. Ich selbst erlebe es nun seit bald einem Jahr von der anderen Seite, kämpfe gegen Hodenkrebs. Mittlerweile befinde ich mich auf einem guten Weg und darf positiv in die Zukunft blicken, auch wenn die Reise zurück ins normale Leben noch nicht vollständig abgeschlossen ist und ich vor allem noch mit den Nach- sowie Nebenwirkungen der Chemotherapien kämpfe.
    Wenn ich lese, was du erlebt hast und weiter erlebst, wird mir erst so richtig bewusst, dass meine Mitmenschen eigentlich viel mehr unter meiner Erkrankung und alles, was sie so mit sich bringt und gebracht hat, leiden als ich selbst. Wie schwer mag es wohl sein, all die Sorgen und Ängste, eingeschnürt in besagtes Päckchen, zu stemmen und mit sich zu tragen?
    Ich wünsche dir und den Menschen an deiner Seite weiterhin die Kraft, die nötig ist, euer Leben 2.0 erfolgreich zu bewältigen.

  4. Du bist unglaublich ❤❤❤❤Immer wieder findest du so unglaublich liebevolle und wahre Worte🤗🤗🤗🤗Danke ❤❤❤

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