Ist das Schicksal ein mieser Verräter?

Seitdem es diesen Blog gibt, bekomme ich viele Nachrichten. Früher waren es oft Betroffene einer Krebserkrankung oder Menschen, die Betroffene in ihrem Umfeld haben. Sie fragten mich, wie sie am besten mit den Patienten umgehen könnten. Was das Beste wäre? Und wie sie selbst damit zurecht kommen können.

Inzwischen bekomme ich auch Mails von Hinterbliebenen. Teilweise sind ihre Lieblingsmenschen erst vor kurzem verstorben, manche schon vor längerer Zeit. Die Probleme und Fragen aber bleiben oft die Gleichen. Ich werde gefragt, was alles an bürokratischen Dingen notwendig wird, wie es den Kindern leichter gemacht werden kann und welche Auffälligkeiten „normal“ wären. Auch Dinge, wie lange die Traurigkeit anhalte, werde ich gefragt und wie es möglich sein kann, trotz allem den Blick auf das Schöne nicht zu verlieren.

Es melden sich auch Kitaerzieher bei mir, die erzählen, dass ein Elternteil eines Kindes vermutlich bald sterben wird oder schwer erkrankt ist. Sie fragen mich danach, wie sie damit umgehen sollen, ob ich Literaturempfehlungen habe und was überhaupt der richtige Weg in dieser Situation ist.

Ende der letzten Woche wurde ich erneut um eine Kontaktaufnahme gebeten. Diesmal meldete sich eine Bekannte von einem Vater. Dieser Vater hat zwei Kinder; das ältere ist 3 Jahre alt, das kleine 8 Wochen. Die Mutter starb 5 Tage nach der Geburt des zweiten Kindes an einem Aortariss. Sie starb plötzlich und ohne Vorwarnung.

Als ich diese Geschichte gelesen hatte, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ich stehe seitdem in Kontakt mit dem besagten Vater. Auch er fragte mich, ob er je wieder glücklich sein könne.

Mal davon abgesehen, dass ich besonders auf die letzte Frage nur schwer antworten kann, fühle ich mich immer sehr geehrt, wenn mich Menschen mit diesem Schicksal kontaktieren. Immerhin sitzen wir alle irgendwie im gleichen Boot. Und irgendwie hat es auch etwas mit Vertrauen zu tun, wenn sich jemand diesbezüglich bei mir meldet.

Ich habe während Simons Erkrankung und nach seinem Sieg über Kunibert vieles aus dem Bauch heraus entschieden. Mit den Kindern, mit unserem Leben, mit mir und unserer Umwelt. Einige Dinge schienen richtig zu sein, andere bestimmt verbesserungswürdig. Ich habe, wie auch alle anderen Hinterbliebenen, Erfahrungen gemacht, die ich so nie machen wollte. Und dennoch ist es so, auch wenn ich nach wie vor schlechte Tage habe, dass ich nicht finde, dass das „Schicksal“ uns verraten hat. Meine Therapeutin sagt, dass es kein Wunder sei, dass ich „ausgebrannt“ bin und trotzdem glaube ich fest daran, dass unser Leben noch viele positive Dinge für uns bereit halten wird.

Wenn ich zurück denke, nicht nur an die Zeit mit unseren Helden, sondern noch weiter, finde ich, dass trotz einiger Komplikationen doch auch vieles „rund“ gelaufen ist in meinem Leben.

Ich bin mit 16 nach Berlin gezogen, mein Leben fing hier erst richtig an. Ich habe liebe Menschen getroffen, mich verliebt und zwei wundervolle Kinder geboren. Ich habe ein Dach über dem Kopf, einen Schulabschluss, meine Ausbildung trotz der Tatsache, dass ich damals alleinerziehend war, mit sehr gut abgeschlossen. Ich habe zwei Hunde, habe gelernt wer meine echten Freunde sind und weiß, auf wen ich mich zu 100 Prozent verlassen kann. Der kleine Batman sollte laut Aussagen verschiedener Ärzte als Trisomie 21 Kind zur Welt kommen, kam er aber nicht. Emma hatte eine schwere Epilepsie und ist inzwischen ohne Medikamente nahezu anfallfrei und regulär beschulbar.

Mein bzw. unser Leben war nie geradlinig. Es war immer etwas turbulenter. Es war oft schwierig und der Tod von Simon stellte mich vor einen Berg, von dem ich am Anfang nicht wusste, wie ich diesen jemals überwinden kann.

Aber ich kann. Nicht immer. Aber ich kann. Wir können das. Weil das Schicksal in der Vergangenheit viele tolle und wunderbare Momente für uns bereit hielt. Wir können über diesen Berg klettern, weil wir glauben, dass es dieses Schicksal auch in Zukunft immer mal wieder gut mit uns meint. Und das versuche ich auch den vielen Hinterbliebenen zu sagen. Auch wenn es wie eine Floskel klingt, aber schwere Momente sind leichter zu tragen, wenn man nicht vergisst, die leichten und schönen auch zu sehen. Die Tatsache, dass es endlich Frühling wird und der Garten bald wieder voller Blüten sein wird zum Beispiel.

Ich kämpfe immer mal wieder mit Entscheidungen, die ich getroffen und Worte, die ich gesagt habe. Es wird vermutlich noch eine Weile dauern, aber ich denke, dass ich irgendwann auch damit mit mir im Reinen sein werde.

Zurück zu dem Vater…Es ist wahnsinnig unfair, was ihm passiert ist. Es ist tragisch und ich habe immer wieder eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das ist nicht richtig, was da passiert ist, und er hat jedes Recht, die Welt zu verfluchen. Aber er hat zwei gesunde Kinder. Er kann die Erinnerungen an seine Frau durch Erzählungen aufrechterhalten bzw. dem Baby später erzählen, welche großartige Mutter es hatte. Es macht die Situation im Moment nicht leichter, so gar nicht. Aber ich denke, dass diese Gedanken helfen können, nicht in ein noch tieferes Loch zu fallen. Gedanken von Dankbarkeit und Demut können helfen, eine Strickleiter zu bauen, um es irgendwann wieder aus diesem Loch zu schaffen.

Trauer und Tod sind große Monster, die mit einem Mal vor Dir stehen und Dich auszulachen scheinen. Je mehr man die Trauer aber zulässt, desto kleiner kann das Monster werden. Trauer bedeutet traurig zu sein. Es bedeutet zu vermissen. Es bedeutet aber auch, dass man liebt. Und Liebe ist etwas gutes. Liebe ist etwas tolles. Trauer bedeutet daher auch Liebe und hin und wieder ein Lächeln im Gesicht. Trauer kann alles sein. Bei uns glitzert sie.

Das Schicksal, das eigene Leben, hielt aber soviel mehr für uns bereit als nur den Verlust eines Lieblingsmenschen. Und ich wünsche jedem Hinterbliebenen, dass er oder sie auch diesen Gedanken zulassen kann, auch wenn er im ersten Moment absurd erscheint.

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8 Gedanken zu „Ist das Schicksal ein mieser Verräter?

  1. Was wäre denn ein „gerechtes“ Schicksal? Wenn alles immer nur läuft, wie wir es uns wünschen? Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer eine persönliche Tragödie, aber es sind gerade solche Extremerfahrungen, die uns an uns selber wachsen lassen- aber auch zerbrechen können. Ich denke, dass man die Wahl hat, ob man im Leben annimmt, was nicht zu ändern ist oder ob man sich vergräbt und bemitleidet. Es ist gut, wenn man von Leuten wie Dir dabei lernen kann, dass sich die Erde weiterdreht. Darüberhinaus schärfen solche Erfahrungen den Blick für die „kleinen“ Dinge des Lebens. Allein die Tatsache in einer Gesellschaft zu leben, in der wir doch sehr gut aufgehoben sind, ist schon ein großes Glück. Auch wenn man oft unzufrieden ist und vieles besser laufen könnte: es ist doch gut, wenn man schon krank sein muss, das man damit hier und nicht in Bangladesh z.B. im Krankenhaus liegt. Ich habe immer das Bild von dem kleinen ertrunkenen Flüchtlingsjungen vor Augen: um wie viel schlimmer ist doch das Schicksal solcher Menschen?
    Ich würde mir wünschen, dass man diese Dankbarkeit und Empathie auch ohne Verlusterfahrungen haben könnte.

  2. Liebe Ines,
    es ist wirklich bewundernswert, wie du mit deinem Schicksal umgehst. Ich wünschte, ich könnte das auch. Aber nach so vielen schwierigen Zeiten habe ich Angst ob ich schon wieder eine meistern kann.
    Ich lese und staune aber, wie fest doch viele im Leben verankert sind und nach vorn schauen. Das macht ein wenig Mut..
    Ich danke dir dafür.

  3. Ein sehr sehr schöner Text, die Bilder, die du brauchst, finde ich sehr treffend. Ich glaube, dass es letzten Endes auch eine Art Segen/Gnade ist und gleichzeitig auch ein Kraftakt, das alles nicht schwarz/weiss zu sehen. Ich bin nicht Krebs-betroffen, aber lebe seit Jahren mit einer anderen Erkrankung. Ich kann auf die Dinge blicken, die nicht möglich sind oder auf jene, wo ich trotz allem ein buntes und erfahrungsreiches Leben leben darf. Und ich darf trotzdem auch trauern (auch lange und ausgiebig). Und für Dinge kämpfen. Und um Hilfe bitten oder sie einfordern.

  4. Ich habe beim Lesen einige Gänsehautmomente gehabt und Tränen verdrückt. Wie so oft. Denn Deine Worte sind so echt und wahr.
    Du hattest schon öfter erwähnt, dass der kleine Batman laut Ärzten mit Downsyndrom hätte zur Welt kommen sollen, aber diese Ärzte sowas von falsch lagen.
    (Fehler sind ja menschlich…)
    Aber gerade am heutigen Weltdownsyndromtag rührt mich das noch extra an und ich denke an all die Kinder, die aufgrund einer solchen Diagnose nicht auf die Welt kommen dürfen.
    Ich möchte kein bisschen die individuelle Entscheidung von Eltern in Frage stellen, das steht mir nicht zu, weil ich eine solche Entscheidung noch nie treffen musste, wofür ich dankbar bin.
    Aber ich finde es gesellschaftlich bedenklich, dass 9 von 10 Eltern sich nach der Diagnose Downsyndrom gegen die Geburt des ungeborenen Kindes entscheiden. (Ich vermeide das A… -Wort jetzt einfach mal.)
    Es macht mich sogar zutiefst traurig und ich denke, es ist an der Zeit menschlicher zu werden, umzudenken….auch im Sinne von Unterstützung für Eltern. Würden diese sich wirklich angenommen und aufgehoben fühlen, würden sich sicher mehr Eltern FÜR das Leben ihres behinderten Kindes entscheiden.
    Ja. Ich weiß, der Kommentar ist etwas off topic.
    Aber die Frage ist doch: In welcher Welt wollen wir leben?
    Also ich in einer, in der alle Menschen, ganz gleich ob alt, krank, gesund, schwach, stark oder mit Behinderung gut behandelt werden. Wo alle die verschissenen (sorry) Äußerlichkeiten keine Rolle spielen.💜

  5. Liebe Ines,

    Du kannst die betroffenen Menschen auch an die Internetseite „verwitwet.de“ verweisen. Oder auch selbst mal lesen, wenn Du magst. Eine Seite für jung verwitwete Menschen, oft eben auch mit Kindern. Da gibt es verschiedene Foren, einen Chat, es gibt Selbsthilfegruppen „im wirklichen Leben“, es gibt Trauerseminare und Reisen, z.B. über Silvester, wenn’s für viele Verwitwete richtig blöd wird.
    Mir hat das in den ersten Jahren sehr geholfen und mein Kind war immer froh, das da noch mehr Kinder sind, die einen Vater im Himmel haben.
    Ich kann mir vorstellen, dass es manchmal auch belastend ist, mit all den Geschichten und Schicksalen konfrontiert zu werden. Sei behutsam mit Dir und Pass auf Dich auf.

  6. Ich finde schon, dass man auch durchaus mit dem Schicksal hadern darf.
    Natürlich sind wir für unser vorheriges gemeinsames Leben dankbar und auch dankbar für zwei lebende gesunde Kinder. Gleichzeitig hat man aber eben auch oft das Leben vor Augen, was wir eigentlich führen wollten.
    Bei uns kam der Tod meines Mannes absolut überraschend, eine Verabschiedung oder ein vorausdenken für das Leben danach konnte es so nicht geben.
    Und ein Leben mit 30 Stunden Arbeit, zwei (trauernden) kleinen Kindern und der eigenen Trauer ist absolut herausfordernd. Natürlich ist es machbar, aber eben auch das allerschwierigste, was ich in meinem Leben gemacht habe.

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