Und Heute tut es weh

Manchmal sitze ich einfach nur da, starre die Decke über meinem Kopf an und fühle mich absolut in die Zeit von vor einem Jahr zurückversetzt. Ich könnte Euch im Moment jeden Tag mit meinen wirren Gedanken zuheulen, will es aber nicht, daher ist es ab und an etwas ruhiger hier.

Ich habe Probleme, mich an Absprachen zu halten, zum Teil schreibe ich mir Tagespläne, um nicht zu vergessen, was ich eigentlich alles tun wollte. Ob das dann auch klappt, ist wieder eine andere Geschichte.

In der letzten Woche habe ich unser Familienbild von der Wand abgehängt. Das Bild, das auch im Zuge der Stammzellsuche für Simon durch die Medien ging. Das Bild, das jeder Reporter, der bei uns zu Hause war, mit auf „seinen Bildern“ haben möchte. Ich ertrage dieses Bild im Moment nicht, sondern suche nach einer Alternative. Dieses Bild zeigt zu viel von dem, was war und nicht mehr sein wird. Und das nicht, weil Simon darauf zu sehen ist, sondern weil es ein Bild ist, von dem jeder zu meinen scheint, dass das genau unsere heile, schöne Vorstadtfamilie zeigt.

Dem ist aber nicht so. Es zeigt einen Mann mit Haaren auf dem Kopf. Dieser Mann weiß ganz genau, dass diese zu jeder Zeit wieder ausfallen können, weil er eine erneute Chemotherapie braucht. Es zeigt einen Mann, der gesund aussieht, weil er in diesem Moment symptomfrei gewesen ist. Auf dem Foto sieht man den kleinen Batman mit drei Jahren und kurzen Haaren. Es ist ein Junge zu sehen, für den es absolut normal ist, Berge von Medikamenten, einen Schrank voller Mundschutzdinger und Spritzen im Haus zu haben. Auch ist es normal, dass sein Papa immer wieder in die Klinik zu Untersuchungen muss und es nicht möglich sein wird, länger als 2-3 Monate im Voraus zu planen. Die Einhornbändigerin lächelt auf diesem Foto, weil sie froh ist, dass Simon in diesem Moment für längere Zeit keine Schmerzen hatte. Sie kennt unseren Helden vor der Diagnose und danach. Sie fragte nicht mehr, warum andere Kinder bereits im Winter wussten wohin sie im Sommer fahren werden. Und dieses Bild zeigt mich. Um Jahrzehnte gealtert, mit tiefen Augenringen und der ständigen Angst im Genick, all dem nicht gerecht zu werden.

Glücklich waren wir trotzdem, nur eben anders als andere. Wir waren alles andere als eine Vorzeigefamilie. Mit uns wohnte Kunibert, das war uns zu jeder Zeit bewusst, auch wenn wir gern verdrängt hatten. Wir stritten oft, oft wegen Kleinigkeiten. Die Auslöser waren verschiedener Natur, der Grund war oft der gleiche: Angst.

Jetzt hängt das Bild nicht mehr an der Wand. Stattdessen klafft dort eine riesige Lücke. Ich überlegte, etwas anderes dahin zu hängen, nur fehlt es im Moment noch an der Alternative. Außerdem kann ich keine Löcher in die Wand bohren, um überhaupt etwas befestigen zu können.

Ich habe gute und schlechte Tage, keine Frage. Aber dieses „Befestigen“ von irgendetwas fällt mir sehr schwer im Moment. Ich kümmere mich um unsere Minihelden, versuche ihnen schöne Momente zu ermöglichen und den Alltag aufrecht zu erhalten. Für mehr reicht es an manchen Tagen nicht.

Heute ist Sonntag, ich bin allein zu Hause. Die Sonne scheint und ich weiß unsere Kinder in guten Händen. Die Einhornbändigerin verbringt das Umgangswochenende bei Papa 1, der kleine Batman hat die Nacht bei seinem besten Freund geschlafen. Eigentlich wollte ich grade unterwegs sein. Aber mein Kopf tut weh und meine Brust schmerzt bei jedem Atemzug. Ich bin so müde und kann nicht schlafen.

Im Moment hinterfrage ich viele Dinge, viel zu viele Dinge. Ich brauche gute Freunde und hinterfrage zeitgleich deren Absichten. Fast schon nebenbei lerne ich da jemanden kennen und es fühlt sich seltsam an. Und ich frage mich, was der eigentlich will. Was ich eigentlich will. Und überhaupt.

Nicht jeder Tag ist so, zum Glück. Aber manchmal haut es mich einfach um. Depressionen sind mein unsichtbares Monster, und ich versuche jeden Morgen trotz dieses Monsters aufzustehen. In der Norm klappt das ganz gut, weil mich die Sonne mehr lockt, als der Schatten der dabei geworfen wird.

Aber hin und wieder ist es so wie heute.

Heute vor einem Jahr fühlte ich mich unbesiegbar. Ich konnte mir nicht im Traum vorstellen, dass dies bereits zwei Monate später anders aussehen sollte. Heute vor zwei Jahren wusste ich, dass ich bald heiraten werde. In diesen beiden Jahren dachte ich mir immer „Kunibert Du kannst uns mal“, ich dachte dass uns diese Krabbe nicht zerstören wird. Vor einem Jahr war unser Held bereits eine Pflegefall und ich hatte zu keiner Sekunde das Gefühl überfordert zu sein. Nebenbei die Wohnung putzen, logistisch planen und Spaß mit den Minihelden haben, alles kein Problem.

Inzwischen weiß ich es besser.

Manchmal vermisse ich mich.

7 Gedanken zu „Und Heute tut es weh

  1. Atmen! Einfach weiter atmen, der Tag wird rum gehen. Manche Tage sind so. Das wird noch eine Weile so sein. Mir passiert es nach 13 Jahren noch. Da reicht eine Kleinigkeit und -zack- schwarzes Loch. Es gibt Tage, an denen geht nix. Muss auch nicht. Die Seele braucht diese Zeit und das wirre hin und her überlegen, um mit all dem fertig zu werden.
    Löcher in die Wand bohren könnte ich übrigens auch ganz lange nicht. Erst vor einem Jahr, beim Umzug hab ich das gelernt. Nicht schön, aber klappt. Ich will manchmal einfach niemanden bitten müssen.

  2. Du darfst auch solche Tage haben😏…..es kommen auch wieder andere Tage 🍦🍦…einen Schritt vor den anderen 🤞🤞Einatmen….Ausatmen….💪🌸

  3. Verstehe ich. Aber es ist irgendwie schon tröstlich, daß die Welt sich weiterdreht, Kinder heranwachsen und es irgendwie doch im Leben auch eine Balance zwischen ganz tollen und wirklich miesen Momenten gibt… Sonne scheint nicht jeden Tag… Und, auch nicht jeder Mann / Frau ist handwerklich begabt. Ist auch in Ordnung, einfach probieren.
    Alles Liebe.

  4. Liebe Ines
    Du schreibst mir aus der Seele…
    Ich vermisse mich auch unendlich doll,vermisse mein vorheriges Leben, vermisse meinen Schatz unsagbar doll.
    Nichts ist wie es vorher war und wird es nie wieder sein.
    Uns blieb ein langer Krankheitsverlauf erspart…es passierte einfach so ,von heute auf morgen. Der Schock sitzt noch immer tief in uns, denn drei sind einfach einer zu wenig.
    Und diese doofen Tage erlebe ich fast täglich…
    9 Monate ist es bei uns her.
    Sei unbekannterweise lieb umarmt.

    Ganz liebe Grüsse
    Dani

  5. Liebe Ines,
    Wenn du stets nicht weißt, was die Lücke an der Wand füllen soll, lass doch deine zwei Mäuse etwas malen, auf eine Leinwand die genauso groß ist, wie das Bild war. Von Kindern gemaltes ist doch immer die schönste Deko. 😊

    Bleib Stark und lass den Kopf nicht hängen – einen meiner liebsten Menschen habe ich vor nun schon 2,5 Jahren verloren – es tut mit der Zeit nicht weniger weh und es holt einen oft wieder ein.

    Sei lieb gegrüßt an diesem sonnigen Montag.

  6. Ich kann es so gut nachvollziehen.
    Ein Mann ist nun seit knapp einem Monat auch nicht mehr da. Es war ein langer und schwerer Weg. Aber auch wenn ich froh bin, dass er nicht mehr leiden muss, fühlt sich alles so leer und dunkel um mich herum an. Meine erwachsenen Kinder versuchen so oft da zu sein. Aber all die Ablenkung – die mir selbstverständlich gut tut – hilft nicht.
    Ich hoffe, ich kann auch wieder tätig werden, aber letztlich bin ich allein zu Hause.
    Es wird sich noch lange um meinen Mann drehen, selbst nach der Beerdigung bleibt viel zu tun.
    Mal schauen, wann ich es schaffe, wieder vorwärts zu schauen.
    Wir müssen wohl mit solchen Verlusten irgendwie umgehen. Ich hatte schon einige, Bruder Vater, Mutter, ein ungeborenes Kind.
    Und nun mein uber alles geliebter Mann.
    Drucken wir uns die Daumen, daß es irgendwann etwas leichter wird.
    Ich wünsch dir Glück!

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