A wie Anders; das Angehörigen ABC

Ich werde immer wieder gefragt ob ich Tipps hätte, wie am Besten mit trauernden oder pflegenden Angehörigen umzugehen ist. Wie man am besten reagiert wenn die Frau eines guten Freundes schwer erkrankt sei oder diese sogar gestorben ist. Wie handelt man ein Kitakind, dessen Mutter in absehbarer Zeit nicht mehr da ist?

Daher wird es die nächsten Woche hier immer mal wieder einige Erfahrungen von mir geben, okay?

Es gibt viele Ratgeber zu diesem Thema, Psychologen, die ultimative Tipps haben. In meiner Zeit als pflegende Angehörige, vor allem in den letzten Wochen in denen ich viele Entscheidungen treffen musste, bin ich das erste Mal auf Psychoonkologen gestoßen. Das Sind Psychologen, besonders geschult auf Krebspatienten und deren Angehörige. Es gab ein paar Hinweise, was ich tun könnte, wie ich mit den Kindern sprechen soll und ob sie sich von Simon verabschieden sollten oder nicht.

Diese Frau hat es studiert, aber war nie selbst in einer Situation wie die Unsere. Ich tue mich dann oft schwer damit, Hinweise anzunehmen, vor allem wenn mir mein Bauch etwas anderes sagt. Denn oft ist die gelernte Theorie nicht in die Praxis umzusetzen. Weil jeder Mensch verschieden ist und nicht alle den gleichen Weg gehen können.

Angehörige von schwerst erkrankten Menschen oder auch Hinterbliebene, die einen Lieblingsmenschen haben ziehen lassen müssen, sind vor allem eins; Anders. So ganz anders als die Personen, die ihr im Supermarkt an der Kasse trefft.

Unsere Gedankengänge sind anders, teilweise so verquer, dass sie Niemand verstehen kann oder will. Als es Simon immer schlechter ging wurde ich egoistisch. Ich war manchmal sauer, dass ich mich um alles kümmern musste. Ich war sauer auf mich, wenn ich bemerkt habe dass das nicht immer klappt. Manchmal war ich so sauer, dass ich mir wünschte dass Kunibert in mir wohnt und nicht in meinem Ehemann. Weil ich nicht die sein wollte, die am Ende übrig bleibt. Diese Gedanken sind wirr gewesen und ich habe mich zu keiner Zeit getraut, diese auch anzusprechen.

Angehörige von scherkranken Patienten haben in der Regel zwei Möglichkeiten; flüchten und versuchen alles hinter sich zu lassen. Das tun sie weil sie Angst haben sich selbst zu verlieren, nicht weil sie nicht lieben. Oder sie bleiben, versuchen alles um dem erkrankten Lieblingsmenschen zu helfen. dabei verlieren sie sich oft selbst, vergessen sich und Selbstfürsorge wird zu einem Fremdwort. Beiden Entscheidungen werden bewusst getroffen und sollten nicht gewertet werden. Beide Entscheidungen sind mit Sicherheit nicht leicht gefallen und keine ist besser als die Andere. Wir sind einfach anders. Und gleichzeitig hatten wir die Angst vor dem Tod verloren.

Ich habe zwischenzeitlich eine sehr dunkle Art von Humor entwickelt. Manchmal habe ich zusammen mit einer lieben anderen Person Tränen gelacht. Auch sie hatte einen Lieblingsmenschen in einer ähnlichen Situation wie die unseres Helden. Wir erzählten uns gegenseitig die Geschichten, die uns unsere Lieben erzählt hatten. Aber auch nach dem Tod unserer Lieblingsmenschen lachten wir zusammen. Über Dinge, die Andere gruselig finden würden. Zum Beispiel wurde ihr Grabstein nach Hause geschickt, anstatt zum Friedhof. So verbrachte besagte Person Halloween mit dem Grabstein eines ihrer Lieblingsmenschen im Arbeitszimmer….Wir lachten, nur um nicht vor Sorge durchzudrehen.

Manche von uns werden seltsam, still und fragen selten oder gar nie um Hilfe. Das tun wir nicht, weil wir glauben, dass es nicht wir sind die Unterstützung bedürfen sondern die Patienten selbst. Wir wissen dass wir manchmal anstrengend und gereizt auf unser Umfeld wirken, können das aber aufgrund einer schweren Müdigkeit und Verzweiflung oft nicht abstellen.

Ich war schon vorher nie ein umgänglicher, menschenliebender Mensch. In der Zeit, in der ich mich ohne Kompromisse um Simon und auch die Heldenkinder kümmerte, wurde dies nicht besser. Eher das Gegenteil.

Das Hirn eines Angehörigen oder Hinterbliebenen tickt anders. Es dreht sich fast ausnahmslos um Termine, Arztbesuche und dem Versuch den Alltag trotz Allem aufrecht zu erhalten. Wenn der Lieblingsmensch stirbt kommen unweigerlich Gedanken wie; „was hätte ich besser machen können“ oder „warum dreht sich die Welt für alle weiter, wissen die denn nicht was passiert ist“ dazu. Auf die Frage von Außenstehenden , die sich nach meinem Befinden erkundigt haben, antwortete ich immer mit „passt schon“ oder „ich komme zurecht“. Das stimmte natürlich nicht, aber somit umschiffte ich peinliche und anstrengende Schweigeminuten als wenn ich die Wahrheit gesagt hätte. Angehörige und Hinterbliebene kapseln sich oft ein, ein Schleier legt sich über die eigene, kleine Welt und umhüllt uns.

Was wir brauchen sind Menschen, die das aushalten. Menschen, die zu nem Kaffee vorbei kommen und das Schweigen aushalten. Menschen, die verstehen, dass ein „passt schon“ nicht ernst gemeint ist und es trotzdem unmöglich scheint, „es passt gar nix“ zu sagen. Wir brauchen Small Talk, denn wenn wir über uns und unser Dasein reden wollen, dann tun wir das. Oft ist das nicht der Fall, und genau dann sind die schiefe Nase der Nachbarin, der Vorzeigerasen von Gegenüber oder die Hosengröße der Kinder das, worüber wir sprechen wollen. Seichte Dinge, die das Hirn nicht anstrengen aber auf andere Gedanken bringt. Wir brauchen einfach Menschen, die nicht vergessen haben wer wir sind, Menschen die einfach da sind und uns warm halten, wenn es ein Mal wieder besonders frostig wird.

Ich erinnere mich an einen Abend, wenige Tage nach dem Simon gestorben war. Ein Abend an dem plötzlich und unerwartet ein alter Freund vor der Tür stand . Wir hatten uns ewig nicht gesehen, dann stand er da, hatte mein Lieblings Zimtbrötchen in der Hand, umarmte mich und kam rein. Dan saßen wir nur da. Ohne reden. Ohne den Versuch etwas zu erklären. Er war einfach nur da. und schwieg mit mir. Das werde ich nie vergessen, weil es genau das war, was ich brauchte.

Wir brauchen plötzlich andere Dinge. Früher war ich die, die immer redete. Heute bin ich froh wenn ich schweigen darf. Wir verändern uns, weil sich die Sicht auf manche Dinge verändert. Stirbt ein geliebter Mensch und das auch nach einer langen Erkrankung, setzt der Notstromreaktor plötzlich aus. Dann funktioniert nichts mehr, das eigene Hirn ist lahm gelegt. Und dennoch haben Trauernde ebenfalls verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Gefühlswelle umzugehen. Unsere glitzert. In unserer Gefühlswelle gibt es schwarze Löcher und tiefe Abgründe. Aber auch Einhörner, Eis mit Streuseln und Zauberwälder. Jeder handelt das anders. Jeder Weg ist okay und sollte nicht verurteilt werden.

Es ist oft nicht einfach mit uns Angehörigen und Hinterbliebenen. Aber uns geht es oft nicht gut, Wir fühlen uns manchmal wie kleine Aliens auf einem fremden Planeten. Aliens die in einer Achterbahn sitzen und hoffen, dass diese endlich anhält bevor die nächste Welle kommt und die Bahn umzuwerfen droht.

7 Gedanken zu „A wie Anders; das Angehörigen ABC

  1. Ines, danke schön. Ein wunderschöner Text. Jedes Wort ist richtig an seinem Platz. Jedes. Darin finde ich Hilfe, um meine beste Freundin zu begleiten, deren Bruder kurz nach Simon verstorben ist, viel zu jung…
    Danke Ines, danke.
    Dein Blog allgemein hilft so vielen Leuten.

  2. Sehr gut geschrieben!
    Ich hatte AML und wurde vor einem Jahr transplantiert. Oft hatte ich das Gefühl, dass die ganze Sache zuweilen für meine Angehörigen psychisch schlimmer war als für mich. Als Patient wird man versorgt, auch emotional. Von der Familie, den Freunden, den Krankenschwestern, Ärzten, Psychologen… Die Angehörigen haben das alles nicht und müssen selbst klarkommen.
    Ines, du beeindruckst mich immer wieder!

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