Von Leben, Tod und doch eigentlich der gleichen Aussage

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Als es unserem Helden seit dem Herbst 2017 immer schlechter ging stand ich häufig in Kontakt mit einer Frau, die ich gar nicht kannte. Zumindest nicht im echten Leben. Der Kontakt entstand durch Instagram.

Wir schrieben oft hin und her. Ihr Mann hatte eine STammzelltransplantation hinter sich, oft sah es so aus dass auch er seine Flügel ausbreiten würde. Er tat es zum Glück nicht, statdessen schaffte dieser Mann es sich zu erholen.

Ich schrieb seiner Frau oft die neusten Blutwerte, Leukozyten und Thrombos, ob es eine Bluttransfusion geben musste oder Simon gar sofort in die Klinik ging. Selbst in den Wochen bevor unser Held starb schrieben wir uns oft. Ich hatte das Gefühl verstanden zu werden, von Jemandem den ich noch nie gesehen hatte. Sie baute mich oft auf, sagte dass er besser aussähe oder was ich noch machen konnte, damit sich unsere Welt einfach weiterdreht. ich war so dankbar.

Nun bin ich auf die andere Seite gewechselt. Ich bekomme oft E-Mails von Frauen und Männern, die aktuell in einer ähnlichen Situation leben, wie ich es noch bis vor 14 Monaten tat. Jetzt bin ich die, die sich Medikamentennamen nennen lässt und Mut zuspricht. vor allem den Mut dazu alle Gefühle zuzulassen, sich selbst nicht zu vergessen. Jetzt bin ich die, die versucht zu verstehen und Ängste zu nehmen. Und auch hier ist es so, dass ich die meisten dieser Menschen noch nie im echten Leben gesehen habe.

Es ist schier unglaublich wie nahe man sich völlig fremden Menschen fühlen kann, weil sie einen ähnlichen Rucksack zu tragen haben. Wie unglaublich stark dieses Band einer gewissen Vertrautheit online entstehen kann.

Ich bin jetzt auch die, die frisch verwitweten Menschen daran erinnert das Armen nicht zu vergessen, auch wenn ich das selbst noch ab und an mache.Ich rede offen über Burn Out, Depressionen und all das, was die Pflege eines geliebten Menschen im Nachgang mitbringen kann. Manchmal lebe ich in einer Parallelwelt Auf der einen Seite freue ich mich über Chancen auf ein gesünderes Leben, ich erzähle Euch von inzwischen sogar 14 Menschen, die aufgrund von Simons Geschichte zum Stammzellspender wurden. Ich schreibe von Hoffnung und auch von einer Art Genugtuung, dassnicht all das, was wir taten umsonst gewesen ist.

Und dann schreibe ich mit den eben beschriebenen Menschen über den Tod oder über eine Zeit, in der eine Erkrankung nicht die Macht über das Leben nehmen darf. Ich rede davon, dass es manchmal hilft Prognosen zu aktzeptieren und zu versuchen die Zeit die bleibt nicht nur zu überleben.

Und dann gibt es noch meine eigene Welt. Die, die sich immer weiter gedreht hat. Die, in der ich mich noch nicht immer zurecht finde und mich selbst hin und wieder frage worin der Sinn da eigentlich liegt.

Trotzdem ist inzwischen ein Netzwerk über diesen Blog entstanden, welches seines Gleichen sucht. Alle Themen, alle Fragen, die mich erreichen haben am Ende eine Botschaft. Das Leben ist schön. Die einen wollen noch so viel davon haben, wie möglich. Sie fürchten sich vor dem unfreiwilligen Ende von ihrem Leben 1.0 Die Anderen versuchen mit all ihrer Kraft einem Kunibert den Mittelfinger zu zeigen, sie wollen sich nicht ergeben, weil sie doch so gespannt sind, was das Leben noch für sie bereit hält. Und wieder Andere helfen Patienten, dass genau dieser Wunsch in Erfüllung geht.

Ich bin mitten drin, zwischen all diesen emotionalen Momenten fremder Menschen. Ich bin dankbar, dass ich das sein darf. Ich fühle mich geehrt und nicht überfordert wenn ich um Hilfe oder Rat gefragt werde. Es ist schon fast wie ein kleiner Lebenszyklus, der sich immer wieder vor meinen Augen abspielt.

Ihr Lieben, ich danke Euch für Euer Vertrauen. Cancer is an Asshole. Der Tod auch. Viele andere Facetten aber nicht.

2 Gedanken zu „Von Leben, Tod und doch eigentlich der gleichen Aussage

  1. Liebe Ines, ich bin eine der vielen hier rund um deinen Blog, die eben anders herum auch dir sehr dankbar sind. Durch deinen (euren) Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, machst du eben auch den anderen Mut. Ich könnte vom Alter her deine Mutter sein, aber die At, wire du mit einer solchen Lebensherausforderung umgehst, ist schon Beispiel gebend. Ich selbst wünschte mir auch, den Nerv zu haben, vielea um den Tod meines Mannes herum aufzuschreiben. Ist mir im Moment noch nicht gegeben. Also, danke, dass ich sehen kann: es geht.
    Übrigens, ja, die abgebildeten Medikamente hatte mein Mann zum größten Teil auch.
    Bis bald und euch einen schönen Tag,
    Tina

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