Wenn die Trauer plötzlich sichtbar wird

Ich habe Euch gestern bereits kurz von unserem Wochenende erzählt und der Tatsache, dass unser Haus im Moment eine einzige Baustelle ist. Am liebsten würde ich nur noch mit geschlossenen Augen durch unser Haus laufen.

Abgesehen davon erfordert diese ganze Umzieh-, Umräum-, und Umbauaktion weit mehr psychische Kraft als ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Das kleine, alte Zimmer vom Batman war das Erste, welches ich leer geräumt und gestrichen habe. Dieses Zimmer war grün. Unser Held und ich haben es zusammen so gemacht als der kleine Heldensohn etwa 2 Jahre alt gewesen war. Simon bohrte auch diverse Regale an die Wand und klebte sämtliche Farbflächen ab. Gestrichen habe ich. Das war eines der ersten Großprojekte in diesem Haus, nachdem unser Held nach der ersten Chemotherapiestrecke wieder fit gewesen war. Es war einer der ersten Schritte Richtung Normalität. Ich weiß noch ganz genau wie wir durch den Baumarkt gelaufen sind um die richtigen Farben zu finden.

Nun räumte ich dieses Zimmer wieder leer und strich die grüne Farbe mit weiß über. Dabei half mir Jemand, der bunte Arme hat. Jemand, den ich seit über 2 Monaten kenne und in diesem Zuge das erste Mal auf die Kinder gestoßen ist. Normalerweise schummelte ich diesen Jemand immer an den Kindern vorbei, weil ich nicht genau weiß was dieser Jemand für mich ist. Zumindest finde ich diesen Jemand möglicherweise netter als mir lieb ist. Und genau das kippt mich manchmal aus der Bahn. weil ich in dieser Situation noch nicht war. Weil ich manchmal Angst habe, dass Nähe mich verletzbar machen könnte. What ever.

Zumindest schraubte dieser Jemand besagte Regale von der Wand. Ich stand eigentlich nur daneben, so wie ich es auch tat als unser Held diese anbrachte. das war nicht nur symbolisch. Das war irgendwie merkwürdig. Nicht schlimm, aber merkwürdig

Gestern stand ich lange in Leos altem Zimmer und dachte daran, wie unser Held den Kindern versprochen hatte, dass wir zu Leos Einschulung mit den Zimmern rotieren würden, dass es eine Wand gibt, die gezogen wird. Ich stand da und sah in die Ecke in der Leos erstes Bett stand. Das Bett in dem er geschlafen hatte, nachdem er aus unserem Bett ausgezogen war. Ich sah dieses Apfelgrün an der Wand und wusste, dass es Simons Lieblingsfarbe war. Ich setzte mich auf den Boden und fragte mich inständig ob ich hier grade das Richtige tue. Dieser Umbau, diese Regale und all die Erinnerungen, die in unserem Haus stecken überfordern mich im Moment und ich kann gar nicht sagen warum. Es strengt mich so sehr an, all diese Umbauten vorzunehmen bzw. vornehmen zu lassen. Es ist so viel Veränderung auf einmal. Es ist Veränderung, die ich unbedingt haben will. Es hat so viel Symbolcharakter und trotzdem will ich jammern und schreien dürfen. Ich weiß nur nicht wohin.

Leos altes Zimmer und auch die anderen, im Moment völlig zugestellten anderen Zimmer, zeigen mir grade meine Grenzen. Es ist wie eine Tür, die sich nur schwer öffnen lässt.

Das alles ist soviel Veränderung, die mich manchmal kurz stocken lässt. Nicht weil ich nicht weitergehen will, sondern weil es mir Angst macht. Ich erinnere mich an den Abend, an dem mich unser Held anrufen hat lassen. es war der 4. Juli 2018. Es war das letzte Mal, dass ich seine Stimme hörte. Es waren meine letzten Worte an ihn. Ich wusste das, er ahnte es noch nicht mal. Ich erinnere mich an die Tatsache, dass ich ihm sagte, dass es morgen alles besser sein würde. Meine letzten Worte waren eine Lüge, 12 Stunden später spielte ich Gott. Am 6.7 starb mein Mann in meinem Beisein. Damit starb unser altes Leben.

Jetzt öffnet sich immer mehr die Tür zu unserem Leben 2.0. Seit über einem Jahr gehen wir diesen Weg. und plötzlich fürchte ich mich davor. Weil ich Angst habe, dass all diese Veränderungen, unser neues Leben und neue Menschen, die darin Platz haben wollen und dürfen und sollen gefährlich für mich werden könnten. Jedes neue Ereignis birgt in meinem Kopf die Gefahr wieder gegen die Wand gefahren zu werden. Das Haus, weil ich es vielleicht irgendwann doch nicht mehr bezahlen kann. Dieser Jemand, weil er vielleicht auch Irgendwann krank wird. Total dämliche Gedanken. Mein Hirn weiß das, meinem Bauch ist das grade allerdings egal.

Es ist 21 Uhr, ich habe Angst und könnte grade vor Wut auf mich losheulen. Auch wenn ich es nicht bin, grade fühle ich mich einsam.

Es ist nicht mal so, dass ich ein schlechtes Gewissen hätte, sondern bemerke dass dieser Umbau dazu führt, dass ein großer, sichtbarer Teil unseres alten Leben überstrichen wird. im Grunde ist das gut. Im Grunde will ich das und ich bin mir sicher, dass ich froh sein werde, wenn alles fertig ist. Aber es ist so anstrengend. Körperlich. Mental. Nie hätte ich damit gerechnet, dass diese Aktion in unserem Haus so etwas auslösen kann. Ich weiß da gar nicht was ich machen soll und stehe mir absolut selbst im Weg.

18 Gedanken zu „Wenn die Trauer plötzlich sichtbar wird

  1. Ohh, wie ich das kenne. Beruhigt es Dich, wenn ich Dir sage, das es mir genauso ging. Erst war unsere Wohnung meine Höhle nach dem Tod von meinem Mann. Da durfte nichts verändert werden. Irgendwann fing genau das an mich zu erdrücken. Auch wir hatten schon im Kopf, das wir renovieren oder besser gesagt sanieren wollten. Alte Bäder und eine Wand mussten weichen. Ich habe dann auch an einem Samstag mit all meinen Freunden den Abriss gestartet. Am Ende des Tages hab ich heulend im Bad gestanden (im Radio lief auch noch Still). Dort hatte ich Jahre vorher mit meinem Mann gestanden und auch die Tapeten abgerissen, damals noch voller Vorfreude auf unser langes gemeinsames Leben. Es hat nicht sollen sein und dann stand ich da und hab buchstäblich unser gemeinsames Leben mit dem Vorschlaghammer beseitigt. Die Zeit der Renovierung hat nicht nur körperlich sondern viel mehr seelisch enorm viel Kraft gekostet. Ein lachendes Auge (weil die Wohnung genau so wurde, wie ich es wollte) ein weinendes Auge, weil es wieder Abschied war. ABER: am Ende war es gut so und hat mich wieder einen ganz großen Schritt weiter gebracht. In mein Leben und dann auch tatsächlich wieder in ein Leben zu weit. Ich habe meinen Partner kurz vor Beendigung der Renovierung kennen gelernt. Das ist jetzt drei Jahre her.
    Es war gut, das ich saniert habe, aber emotional ist das noch einmal Achterbahn fahren. Halte durch, es wird wieder besser und versuche den Menschen, die dir wichtig sind, das genau so zu erklären, wie Du es hier schreibst, damit sie Dich verstehen. Alles andere kommt von alleine. Dies ist nochmal aktive anstrengende Trauerarbeit auf dem Weg ins Leben 2.0.

  2. Es ist schwer, es macht Angst, es bringt Erinnerungen zurück, es wird dir gut tun, es bringt dich weiter. Alles. Es ist gut, daß du Hilfe hast. Richtig, daß du sie annimmst.
    Hab keine Angst. Was kann denn noch Schlimmeres passieren. Mach, was dir gut tut. Auch, wenn es dauert.
    Ich denk an dich.

  3. Für mich war jeder Schritt, den ich nach vorne machte, aus der Trauer hinaus eben auch ein Verlust, da die Trauer doch das letzte war, was mir geblieben war.
    Es fühlte sich richtig an, die Bilder von der Wand zu nehmen, trotzdem weinte ich dabei. Das erste Mal, als ich morgens wach wurde und dachte: „Was für ein schöner Tag!“ geriet ich anschließend in eine tiefe Krise. Es war immer so ein bisschen zwei Schritte vor und einen zurück.
    Und ganz manchmal auch einer vor und zwei zurück.
    Die Arbeiten jetzt sind ein großer Schritt nach vorne. Aber eben auch ein weiteres Loslassen. Notwendig und bestimmt auch richtig, aber eben auch psychisch anstrengend und auch belastend.

  4. Ich habe grad Tränen in den Augen😢Ich kann das sooo gut verstehen♥️Lass sich die Türen öffnen…langsam…einen Schritt nach dem anderen ♥️♥️♥️Alles wird gut…du schaffst das und das Schicksal meint es bestimnt gut mit dir♥️♥️

  5. Liebe Ines, auch vergieße hier gerade ein paar Tränen. Ihr schafft das, Du schaffst das einen Schritt nach dem anderen. Lasse Dir eine Umarmung da, wenn Du magst. Sabine

  6. Es ist schön und gleichzeitig schwer, es ist Vorfreude und gleichzeitig „Heimweh“, es macht Angst und gleichzeitig stolz, es ist Himmel und gleichzeitig Hölle … es ist Leben … ein Schritt weg von 1.0 aber auch ein Schritt hin zu 2.0 … den Schritt gehst du allein und gleichzeitig mit deinen Kindern und Jemand … und ein bisschen gehen wir alle diesen Schritt mit … wollen dich an die Hand nehmen, oder in den Arm, dich halten und gleichzeitig vorwärts tragen.

    All diese Dinge zu empfinden und dennoch weiterzumachen und es ausdrücken zu können … das ist es, was uns dich bewundern und achten und mögen lässt!

    Alles Liebe!

  7. Liebe Ines, ich muss Dir widersprechen: es war keine Lüge, dass alles besser wird – für Simon wurde es besser. Und Gott hast Du auch nicht gespielt; es gab ja keine Alternative. Ich weiss noch, wie ich die Einträge damals gelesen und geweint habe. Mach Dir keine Vorwürfe; es ändert nichts, und hätte damals auch nichts geändert. Viel Erfolg beim Umbauen und Dekorieren; das wird bestimmt toll 😘

  8. Abschied und Neuanfang liegen ganz nah bei einander. Laß beides zu! Ich bin sicher,das es dir bald besser geht! Und ich freu mich das da bunte Arme sind die dir helfen!
    Ganz liebe Grüße!
    Peggy

  9. Oh ich fühle deine Gedanken so. Mir ging es am Anfang auch so, als ich meinen jetzigen Partner kennen lernte. Es war alles so komisch. Schön und dann wieder komisch. Ungewohnt. Wir veränderten die Wohnung… Renovierten… Das neue Leben entstand, schlich sich ein. Ich bin jetzt über 1,5 mit meinem Freund zusammen, wir bauen ein Haus, die Veränderung wird noch krasser. Es ist nicht leicht aber ich denke es gehört alles dazu und am Ende ist es besser. Alles Gute 😘

  10. Lass all diese Gefühle zu, die Angst, die Unsicherheit. Aber lass auch das neue zu, auch die bunten Arme. Damit gibst du den Helden nicht auf, vergisst ihn, sondern du lebst weiter und das musst du auch. All das ich wichtig, für Dich, die Heldenkinder und für Deine Gesundung an Seele und Körper. Auch wenn Du glaubst, das Leben ginge nicht weiter, doch das tut es und Du tust gut daran, mit ihm weiter zu gehen. Ich wünsche Dir viel Glück und die Zuversicht, das es besser wird. Du machst da so toll.

  11. Liebe Ines und wieder hast Du mein Herz berührt. Ich kann nicht mitreden, aber Veränderungen können doch auch gut sein, auf dem Weg ins Leben 2.0. Ich wünsche Dir weiterhin die nötige Stärke und Kraft, Euer Leben ohne den Mann und Papa zu bestreiten. Der Weg ist lang, und meine Gedanken sind bei Euch. Liebe Grüße aus Mecklenburg.

  12. Du bist doch große Verfechterin davon, dass man schnell wieder eine neue große Liebe finden darf und ich mein, 1 1/4 Jahre sind ja jetzt wohl auch lange genug!!!!!!!!!!!!!!! LOL ab dafür und den nächsten Typen krallen, jeder ist schließlich SCHNELL ersetzbar

    1. He Carmushka2, wie bist du denn drauf? Mach das, wie du willst für dich, aber lass andereMenschen versuchen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
      Wünsche ihr doch einfach Glück.

    2. Mensch Carmushka, du machst dir hier die Mühe, deinen Namen und deine Emailadresse anzugeben, nur damit du hier herziehen, stichelm und Unfrieden stiften kannst?
      Mich würde ja interessieren, ob du so einem gemeinen Blödsinn hier schreibst und es trotzdem schaffst, in den Spiegel zu schauen, ohne vor Scham im Erdboden versinken zu wollen. Wenn ja, gehört da wohl auch ne ganze Portion Verdrängung dazu, anders kann ich mir das einfach nicht vorstellen, so viel Menschenliebe habe ich einfach (noch).

      Wenn du Ines‘ Blog schon konsumierst, wahrscheinlich nur, um danach sticheln und lästern zu können, dann lies ihn bitte gründlicher! In ihrem Beitrag „wie ist das eigentlich mit den Männern“ (und ja, ich habe extra für dich nochmal nachgeguckt, Autogramme gibt’s später!) sagt aie ausdrücklich, dass sie Simon niemals ersetzen will und ihn immer lieben wird, und dass der Mann, den sie irgendwann in ihr Leben lässt, damit leben müssen wird, dass Simon ein Teil von ihr ist und bleibt. Aber sie sagt auch, dass sie erst 35 Jahre alt ist und es nicht drauf anlegt, den Rest ihres Lebens alleine zu bleiben. Aber vor allem sagt sie: es passiert, wenn es passiert, jeder muss das selbst für sich entscheiden, weil ja auch jeder anders trauert und der Prozess der Trauer bei jedem unterschiedlich lange dauert. Aver vor allem sagt sie zu recht, dass das jedem selbst überlassen! Ihr Leben, ihre Trauer, ihr Umgang damit! BASTA

      Ein letztes noch: dass sie Simon nicht ersetzen wird, wird doch dadurch schon deutlich, dass sie immernoch Chatverläufe und Fotos mit + Gedanken über ihn postet, immer wieder vom letzten Gespräch mit ihm schreibt!

      Soll sie denn für die nächsten fünf Jahre ins Kloster gehen oder was wäre Dir recht?

      Schämen solltest du dich, hier so giftig zu stänkern!

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