Das Angehörigen ABC; L wie lächeln

Wenn die nächste Hiobsbotschaft kam, Wenn die Blutwerte im Keller waren und eine Transfusion her musste. Wenn ich den Kindern erzählte, dass der Papa in der Nacht wieder in die Klinik musste. Im Alltag. Wenn Simon Angst hatte. Als unser Held in Depressionen verfallen ist. Als das MDK das erste Mal im Haus war um über medizinische Hilfsmittel zu reden. Als die Wahnvorstellungen dazu gekommen waren. Immer dann tat ich oft eins; Lächeln. Um den Kindern und unserem Held zu suggerieren, dass das jetzt zwar wirklich scheiße ist, aber es besser werden wird. Ich lächelte, weil es weniger Nachfragen gab, als bei Tränen. Ich lächelte weil ich immer dachte, dass wenigstens Eine die Fassung behalten sollte um den Überblick nicht zu verlieren.

Was ich tat wenn keiner zusah ist dann noch eine ganz andere Geschichte. Eine Zeit lang fühlte ich mich wie ein kleines Zahnrad in einem riesigen Getriebe. So bald das stoppte, würde gar nix mehr gehen. Ich war die, die hier die Verantwortung trug, Artzgespräche führte und diverse Rechtsmittel gegen die Ablehnung von Medikamenten einlegte. Ich war aber auch die, die den Alltag am Laufen halten wollte. Lächeln half daei, immer.

Manchmal übte ich das Morgens vor dem Spiegel. Ich merkte wie wenig authentisch das eigentlich war und dennoch fühlte es sich besser an, als mit einer Packung Taschentücher in der Ecke zu sitzen. Ich lächelte meine Angst weg und den Gedanken, dass wir grade auf einem Weg unterwegs waren, der alles andere als ein Grund zum Lächeln war.

Solltet ihr Angehörige im nahen Umfeld haben, achtet auf deren Augen. Meine konnte ich nicht zum Lächeln bringen, die waren einfach viel zu müde. Manchmal habe ich mir Jemanden Anderen gewünscht, der das Lächeln für mich übernimmt, damit ich meinen Muskelkater im Gesicht auskurieren hätte können.

wie gesagt, es war wenig authentisch. Aber ich würde es wieder so machen. Um dem Helden und den Kindern zu zeigen, dass am Ende alles gut sein wird. Wie auch immer dieses Gut auch aussehen möge. Auf einer onkologischen Station laufen viele lächelnde Gesichter herum, achtet mal drauf. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von Denen auch Morgens vor dem Spiegel üben und sich ab und zu eine Lächelablösung wünschen.

Lächelt ein Mensch, wird er in der Öffentlichkeit nicht merkwürdig angesehen. Bei einem verheultem Gesicht sieht die Lage schon ganz anders aus. Lächelt ein Angehöriger kommen Sätze wie: „Wahnsinn wie Du das schaffst“ oder aber gar nichts wird gesagt. Steht man weinend in der Gegend herum, dauert es meist nicht lange bis „Du musst jetzt stark sein“ zu hören ist. Wenn Jemand lacht sagt Niemand „Du musst jetzt aber traurig sein“, seltsam oder? Es hat einen Grund warum „wir“ oft Lächeln, obwohl es tief in uns drin ganz anders aussieht…

9 Gedanken zu „Das Angehörigen ABC; L wie lächeln

  1. Sehr gut beobachtet, Du hast es völlig richtig zum Ausdruck gebracht! Als ebenfalls Betroffener mag ich Deine ehrliche Sicht auf die Dinge, deshalb 😘🙋‍♂️

  2. Ich wünsche dir von ganzem Herzen das der Mann mit den bunten Armen deine Augen wieder zum Lächeln bringt♥️♥️♥️

  3. Stimmt zu 100%. Man lächelt automatisch und versucht positive Laune zu verbreiten. Ich mache dies inzwischen auch schon 6 Jahre lang. Als Angehöriger macht man das einfach so. Wobei ich merke, es zehrt an mir und meinen Kräften. Manchmal glaube ich auch, dass ich das Weinen inzwischen verlernt habe.

    1. Ich habe ihr Kommentar freigegeben weil natürlich jeder seine Meinung haben kann. Auch wenn die eine oder Andere Mutmaßung eventuell haltlos ist

    2. Mal abgesehen davon, dass nirgends etwas von „Lover“, neuer Beziehung, Affäre oder was auch immer steht würde ich mich sehr für Ines freuen. Ob das nun „schon jetzt“, in ein paar Wochen oder Monaten ist/wäre. Sie hat soviel mitgemacht und erlebt, was wäre schlimm daran wenn sie wieder mit jemandem glücklich werden würde?
      @Ines: was auch immer die bunten Arme für dich sind oder werden: genieß es und kümmere dich nicht um dummes Gelaber!

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