641 Tage ohne Dich

Geliebter Held, bitte verzeih dass wir Dich im Moment nicht im Zauberwald besuchen können. Aber weißt Du, das ist im Moment wirklich schwierig. Um zu Deinem Wald zu kommen brauchen wir die S-Bahn und zwei Busse. Oder die Ostseeoma, die uns fährt. Beides ist aktuell nicht möglich. Wir holen unsere Walddates nach, okay? Und dann bringen wir Dir extra viel Marzipankuchen mit. Wir werden ihn an Deinem Baum essen und viele, viele Krümel fallen lassen.

Aber jetzt Du, erzähl mal; wie geht es Dir? Bist Du auch so dankbar dafür, dass Du das aktuelle Chaos in dieser Welt nicht mehr miterleben musst? Stell Dir vor, dass es diese Pandemie vor zwei Jahren gegeben hätte. Furchtbar! Vor zwei Jahren um diese Zeit warst Du in der Klinik. Erst in der, die ganz in der Nähe von unserem zu Hause ist. Weil du zu instabil gewesen bist, dich in deine „Stammklinik“ zu bringen. Einige Tage später konntest Du dann dahin „umziehen“ Dort wurde auch der neue Tumorherd in Deiner Brust erneut untersucht. Das war das Ding, welches Dich wenige Monate später in den Himmel geschickt hat. Zum Glück hatten wir davon aber noch keine Ahnung.

Wir planten noch viele Dinge, unseren ersten richtigen Hochzeitstag und den Geburtstag der Einhornbändigerin. Wir hofften sehr, dass Du rechtzeitig wieder fit sein wirst.

Bald hat das große Mädchen wieder Geburtstag. 2 Wochen sind es noch. Die Einhornbändigerin zählt bereits die Tage und hofft so sehr, dass sie ihre Freunde an diesem Tag sehen kann oder dass die Oma zu besuch kommt. Aber weißt Du, ich glaube, dass das irgendwie nicht klappen wird. Es tut mir unfassbar Leid, dass es immer an ihrem Geburtstag etwas blödes gibt. Ich hätte ihr so gewünscht, dass es wenigstens dieses Jahr klappt.

Vor drei Jahren warst Du an ihrem Geburtstag in der Klinik. Vor zwei Jahren warst du grade aus der Klinik entlassen, hattest Deine Halluzinationen und mentalen Aussetzer. Du warst nicht fit aber ihr Beide habt versucht das Beste daraus zu machen. Letztes Jahr an ihrem Geburtstag lag ich flach, nicht gravirendes aber auch nicht in Partystimmung. In zwei Wochen wird das große Mädchen 12 Jahre alt. Unfassbar oder? Vielleicht schickst Du uns ein paar Sonnenstrahlen, damit es auch trotz des vermutlich weitergehendem Hausarrest ein schöner Tag wird.

Im Moment fehlst Du mir besonders mein Held. Abends liege ich oft einfach nur platt auf dem Sofa und wünschte, dass ich mit dir reden könnte. Dass Du mir sagst, dass alles bald wieder gut wird. Dass Du da bist und wir schon durch ganz andere Täler gegangen sind als dieses Virustal in der gefühlten Endlosschleife.

Uns geht es aber gut, mach Dir keine Sorgen. Und ich versuche auch ausreichend aufzupassen, dass es so bleibt.

Ach, was ich Dir unbedingt noch erzählen wollte. Der Sandkasten ist inzwischen abgebaut. Der, bei dem Du fast wahnsinnig beim Aufbau geworden bist. Lass Dir sagen; der Abbau war auch nicht so ganz unproblematisch, aber es ist geschafft. Ich habe ein paar neue Pflanzen für den Garten besorgt, drück mir die Daumen, dass ich das gießen nicht vergesse. Wie immer. Du kennst mich ja.

21 Monate und einen Tag ohne Dich. Unfassbare 21 Monate. Heute vor zwei Jahren warst Du in der Klinik. Dir ging es nicht gut, trotzdem habe ich nie und nimmer damit gerechnet wie schnell es dann alles gehen sollte. Ich erinnere mich ganz genau wie sehr mir der Gedanke in Zukunft ohne Dich sein zu müssen, den Atem geraubt hat.

Aber weißt Du? Ich atme noch. Manchmal fällt es etwas schwerer als sonst, aber ich atme. Ganz tief und bewusst. Und ich weiß, dass Du nichts lieber tätest als das. Weil es nicht selbstverständlich ist. Weil es ein Privileg ist.

Rock den Himmel mein Held. Wir denken ganz fest an Dich.

Ein Gedanke zu „641 Tage ohne Dich

  1. Liebe Ines, diese Zeit ist gerade sehr schwer für Menschen, die jetzt sowieso schon ohne ihren Seelenmenschen weiterleben müssen. Ich staune auch immer noch, daß das Leben einfach so weitergeht, wenn auch mehr schlecht als recht. Viele Menschen sind seitdem einfach aus dem Leben raus, selbst mal sehr nahestehenden Menschen scheinen keine Ahnung zu haben, wie es ist einen Partner zu verlieren, mit dem man so eng lebte und vertraut war. Wie auch.
    Und nun ist auch der Kontakt nach außen, zu der eigenen Familie und Freunden erschwert.
    Der Jahrestag des Todes meines geliebten Mannes ist fast ran. Jetzt so allein zu sein, ist einfach doof. Aber, wie alle anderen, auch du, das schaffen, werde ich das vermutlich auch schaffen. Schön, immer wieder von dir zu lesen… Pass auf euch auf😍

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