Toffee und die Sache mit der Qualzucht

Zuerst, vermutlich mache ich mich jetzt unbeliebt. Überzeugte Rassehundbesitzer…vielleicht lest ihr besser nicht weiter.

Auf unserem Blog gibt es inzwischen eine große Fangemeinde, die unsere Bulldogge anhimmelt. Toffee ist ein Clown, kennt Grundkommandos , führt diese aber nur aus wenn er Lust dazu hat. Er macht oft Quatsch, ist sehr menschenbezogen, hält sich manchmal aber auch für Goliath. Wenn der kleine Batman weinen muss, weil er sich wehgetan hat, dann kommt die Bulldogge, setzt sich neben das Kind und heult immer mit. Immer. Nur bei ihm. Wirklich. Regen mag der Hund nicht, Wasser allgemein findet er ziemlich uncool. Ansonsten ist er recht unerschrocken und lässt sich von Nichts aus der Ruhe bringen. So steht er auch nicht auf, wenn der Staubsauger kommt sondern dreht sich extra auf den Rücken, um selbst abgesaugt zu werden. Er schlägt selten an und bellt im Vergleich zu unserem anderem Hund so gut wie nie. Die Türklingel interessiert ihn nicht. Toffee hat wichtige Dinge gelernt, die in einem Hundeleben wirklich wichtig sind; so schiebt er den Stuhl mit seinem Kopf beiseite, hüpft darauf um nun schnell an das „Menschenessen“ zu gelangen, das auf genau diesem steht. Er klaut Salatköpfe aus Einkaufskörben. Ansonsten aber jagt er nicht.

Dann aber gibt es noch eine andere Seite auf die ich hier bereits auch angesprochen worden bin. Nicht im Bösen, eher um die Bitte mich darüber ein Mal öffentlich zu äußern, da die Fangemeinde der Bulldogge stetig wächst.

Toffee ist eine französische Bulldogge und gehört damit zu den Rassen, deren Nasen nahezu weggezüchtet worden sind. Der Rassestandart und somit auch die Babys vieler Bulldoggenzüchter, die im VDH anerkannt sind, sind manchmal ….nein…oft echt erschreckend. Französische Bulldoggen sollen nach Rassestandart am besten kaum bis gar keine Nase mehr haben, die Nasenlöcher sind bei vielen Hunden ebenfalls fast geschlossen. Die länge Zunge dieser Hunde reicht oft für drei Hunde aus. Dazu kommen kurze Beinchen, kaum Unterwolle im Fell, kein Schwanz sondern nur ein „Stummelchen“ und ein kastiger, kompakter, gedrungender, sehr muskulöser Körper.

Dazu kommt dass viele Bullybesitzer ihren Hund extra Bullig wollen und ihn mehr als nötig füttern. Dadurch erscheint oft ein sehr imposantes Bild, der diesen kleinen Hund noch breiter wirken lässt. Übrgewichtige Bulldoggen aber bekommen noch weniger Luft als sowieso schon. Viele Besitzer lassen ihre Bulldoggen irgendwann operieren, Nasenlöcher weiten und das Gaumensegel kürzen. Ich gebe zu…Beides habe ich via Endoskopie auch bei Toffee bereits checken lassen. Soweit aber ist alles in Ordnung. Für Bullyverhältnisse versteht sich.

Wir haben damals lange nach einem Züchter gesucht, der Bulldoggen züchtet, die nicht diesem „Ideal“ entsprechen. Hunde mit etwas längeren Beinen, nicht zu muskulös und wenigstens mit etwas Nase und offenen Nasenlöchern. Geworden ist es Toffee, etwas Nase hat er, wenn auch nicht viel. Dennoch gehört er zu der „sportlichen“ Variante, zu mindestens für Bullyverhältnisse. Er röchelt nicht nach 1 km gehen. Er kann aus dem Stand etwa 1,60 hochspringen, rennt gerne usw. Auch ist er zierlicher als STandart, dass aber liegt vorrangig daran, dass das von uns so beabsichtigt ist und er eher zu wenig als zu viel gefüttert bekommt. Abgesehen von Rind, hat er keine Allergien oder andere Wehwehchen, denn auch daran leiden eine viel Zahl dieser Hunde.

Und dennoch…Toffee ist unser zweiter Hund. Unsere erste Hündin; Apple Jack, ist ein Hund aus dem Tierschutz und inzwischen fast 8 Jahre alt. Ursprünglich lief sie samt Mutter und Geschwistern auf den Straßen von Bosnien rum. Welche Rassen da alle in ihr stecken, kann daher nur geahnt werden; vermutlich ganz viel Terrier,  viel Hütehund und wer weiß was noch. Auch wenn Toffee zu den sportlichen seiner Gattung gehört, kann er nicht mit Apple Jack mithalten. Unsere Hündin rennt gern. Gassi- und Wandertouren von 12 km und mehr sind kein Problem. Toffee hat nach spätestens 3 bis 4 km keine Lust mehr. Auch Apple Jack hechelt bei Hitze, aber auch hier deutlich später als ihr Hundebruder. Apple Jack ist sehr robust, bisher keine „Gebrechen“ außer beginnende Arthrose in der Vorderpfote. Diese aber war im Welpenalter, noch in Bosnien gebrochen und wurde später in Deutschland mit Schrauben und co versorgt. Dass da also etwas kommen sollte war abzusehen. Toffee haart kaum weil er kaum Unterwolle im Fell hat. Das führt dazu, dass er im Winter bei Draußentouren, die länger als 15 bis 20 Minuten dauern, eine Jacke braucht. Das finden wir übrigens Beide blöd. Apple Jack dagegen ist im Sommer ein Schaf, ein echtes Schaf. Dafür friert sie nie.

Wenn ich mit den Hunden zum Tierarzt muss, sind Beide absolute Angsthasen. Apple Jack ist etwas unruhig, hechelt leicht. Toffee hyperventiliert regelrecht. Zumindest in den ersten 15 Minuten im Wartezimmer.

Oft wird diskutiert ob Bulldoggen, wie auch Möpse, oder andere Kurznasen offiziell den Qualzuchten zugeordnet werden sollen und damit nicht mehr gezüchtet werden dürfen. Ich verstehe das. Ich bin dafür. Auch wenn ich selbst einen dieser Hunde habe.

Warum aber haben wir uns damals für eine französische Bulldogge entschieden? Als klar war, dass wir einen zweiten Hund aufnehmen würden, fiel die Entscheidung dieses Mal darauf, dass es ein Welpe werden sollte. Simon meinte auch, dass dieser Hund im ausgewachsenem Zustand bitte kleiner als Apple Jack sein sollte. Von Treffen auf der Hundewiese und in der Hundeschule kannte ich bereits französische Bulldoggen, ich mochte ihr Wesen, dieses Clownding, den Dickkopf und ich bin ehrlich….ich mochte optisch auch dieses Kindchenschema, dass die Bulldoggen aufgrund der platten Nasen, den großen Fledermausohren und riesigen Augen haben. In Auslaufgebieten traf ich oft auf Hunde, die so dermaßen röchelten, dass ich dachte, dass die in jeder Minute umkippen würden.

Ich informierte mich über Dinge, auf die es zu achten galt. Ich war verliebt in diese Hunde, dass das nicht unbedingt clever war, weiß ich inzwischen auch. So suchten wir nach einem Züchter, fanden diesen auch. Wir sahen die Elterntiere, die großen (inzwischen erwachsenen) Geschwister und schließlich den Wurf, zu dem dieser eine, ganz besondere Hund mit grünem Halsband gehörte. Toffee zog ein.

Als er zu uns zog war er kaum größer als ein Meerschwein und sah durch die riesigen Ohren aus wie ein Kaninchen. Von Anfang an war er stressunempfindlich, Apple Jack und er mochten sich sowieso.

Und trotzdem…Ich liebe meine Hunde. Dennoch würde ich mich kein zweites Mal für eine französische Bulldogge entscheiden. Ein Jahr nach dem Toffee bei uns eingezogen war, wurde diese Rasse zu einer Modeerscheinung. Überall waren plötzlich Bulldoggen. Ich traf mich mit anderen Besitzern. Nahezu alle dieser Hunde röchelten bei einem Gassigang im langsamen Schritt. Nicht im Sommer versteht sich. Fast alle hatten Allergien, Unverträglichkeiten, Knochen- oder Muskelprobleme. Einige wurden operiert. Ich denke wirklich, dass Bulldoggen zu den Qualzuchten gehören, auch Toffee bekommt als sportliche Version weniger Luft als seine Hundeschwester. Es hat einen Grund warum uns bisher immer Apple Jack in den Sommerurlaub begleitet hat und nicht Toffee. Dieses Mal kommt Toffee mit und ich gebe zu, das macht mich etwas nervös. Weil „der Dicke“ einfach mehr Pausen braucht.

Bulldoggen schnarchen fast alle. Und sie pupsen. Toffee tut beides auch, zum Glück nicht immer sondern eher selten. Aber er tut es. Egal was Euch andere Leute erzählen…gesunde Hunde, Hunde mit einem „normalen Atmungssystem“ schnarchen nicht. Nie.

Bulldoggen wurden krank gezüchtet. Ich hab mir damals zwar Gedanken gemacht, aber definitiv nicht genug. Der Sommer macht Toffee deutlich mehr zu schaffen als Apple Jack. Manchmal tut mir das Leid. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen.

Nun ist er bei uns. Wird geliebt. Nie und Nimmer würde ich unsere „Turboschnecke“ hergeben wollen. Ich bereue seinen Kauf nicht, aber ich würde mich nicht wieder für eine Bulldogge entscheiden. Weil ich inzwischen weiß, diesen ZUchtweg nicht unterstützen zu wollen.

Apple Jack ist vier Jahre älter als Toffee und wird diesen vermutlich trotzdem überleben. Überzüchtete Hunde, egal welcher Rasse haben häufig eine deutlich geringere Lebenserwartung als zum Beispiel Mischlinge.

Gleiches gilt übrigens auch für viele andere Rassen. Schäferhunde haben zwar eine tolle Nase, dafür aber einen furchtbar schief gezüchteten Rücken. Dackel und Terrier, die in Stadtwohnungen gehalten werden, obwohl sie einen ausgeprägten Jagdt- und Bewegungsdrang haben. Deutsche Doggen und Mastiffs, die so groß gezüchtet wurden, dass die Gelenke deutlich früher nachgeben.  Chiwawas, die oft eine nicht komplett geschlossene Fontanelle haben. Viele Ridgebacks haben eine milde Form von Spina Befida… Die Liste geht ewig lang weiter.

Bleiben wir aber bei der Bulldogge. Ich weiß dass dieser Hund grade total angesagt ist. Ich weiß, dass er „so süß“ aussieht und eine tolle Art mit sich bringt. Ich weiß dass auch wir eine Bulldogge haben und den hier auch zeigen .Aber…das soll keine Werbung sein. Wiegesagt, Toffee ist toll. Er bringt uns immer zum Lachen. Falls ihr aber darüber nachdenkt, dass eine Bulldogge euer Mitbewohner wird,  bitte denkt wirklich genau darüber nach. Alternativ gibt es auch tolle (Jung)Hunde in Tierheimen oder  in Pflegestellen .

Auch wenn ich Toffee hier oft zeige, auch wenn wir ihn wirklich lieb haben und ihn für kein Geld der Welt tauschen wollen würde, möchte ich keine WErbung für Französische Bulldoggen machen. Die Tatsache, dass ich damals zu informiert gewesen war und ich eine Rasse unterstützte, deren Kindchenschema in Perfektion eingezüchtet worden ist ohne dabei Rücksicht auf das Wohlbefinden der Tiere zu achten, macht mir ein schlechtes Gewissen.

2 Gedanken zu „Toffee und die Sache mit der Qualzucht

  1. Hallo,
    Wir haben auch einen Franzosen zuhause, 4 Jahre alt, sportliche 11 kg schwer und er hat eine richtige Nase !☺ Also so eine ganz normale. Ich bin da nämlich ganz deiner Ansicht was die Zucht betrifft und kann das auch nicht nachvollziehen wie man so etwas extra züchten kann. Hätten wir nicht die eine züchterin gefunden die nur bullis mit Nase züchtet, dann hätten wir definitiv keinen.
    Er hat uns beim wandern und auch beim Stranurlaub begleitet, 2 Stunden Spazierengehen ist kein Problem, ebenso wie neben dem Fahrrad herzulaufen und er liebt Frisbee!

    Was genau macht dir Sorge beim Urlaub?

  2. Danke für diese sehr reflektierten Worte. Kann man auf viele Tierrassen übertragen! Ich bin eher Katzenmensch, aber auch da gibt es ja die angesprochenen Probleme… Man muss wirklich genau drüber nachdenken, ob man solche Zuchten unterstützen möchte!

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