Trauerphasen, in welcher steckst Du? In welcher stecke ich? Teil 3/4

Ihr Lieben, heute erzähle ich von der 3. Phase der Trauertheorie von Verena Kast. Als ich dies gelesen habe, wusste ich, dass ich darüber unbedingt etwas bloggen muss. Wirklich.

Sie nennt diese Phase: Suchen und sich trennen

Sie sagt das viele Menschen nach jedem Verlust mit Suchen reagieren. Zum Einen wird das gemeinsame Leben wieder gesucht, gemeinsame Orte werden heilig und Gewohnheiten des Verstorbenen werden übernommen. Die ersten beide Punkte kann ich nur halb bestätigen. Orte, die ich mit Simon in Verbindung gebracht habe gab es viele. Die Meisten aber konnte ich nicht betreten, weil es mich zu sehr in ein Loch hat fallen lassen. Aber es gab eine Ausnahme…Das Cafe in dem wir unser erstes Date hatten, das Cafe dass gleichzeitig auch der Ort gewesen war an dem er mich fragte ob ich ihn heiraten mag. Dort verbrachte ich in den ersten Monaten und im zweiten Trauerjahr so die eine oder andere Stunde. Weil es eine Art sicherer Ort für mich gewesen war. Ein Ort mit dem ich nichts böses verknüpft habe. Ein Ort, an dem immer nur tolles geschehen war. Dort hatte ich keine Angst, keine dunklen Gedanken. Es war jedes Mal wie eine Art Zeitreise; in eine Zeit in der vermeintlich noch alles in Ordnung gewesen war. Dieses Cafe gibt es inzwischen nicht mehr, ich war also nicht mehr dort. Ich wurde in dieser Geschichte gezwungen loszulassen. Und vermutlich war das genau richtig.

Eine Zeit lang hätte ich mir nie vorstellen können Simons Klamotten wegzugeben. Ich hielt sie regelmäßig in der Hand, ich nahm sie mit ins Bett und inhalierte regelrecht an ihnen. Je öfter ich das tat, je schmerzhafter wurde es. Ich packte die Sachen in große Kisten und verstaute sie in Kisten, so dass sie mir nicht jedes Mal in die Hände fielen, wenn ich den Schrank öffnete. Die Lücken im Schrank füllte ich mit meinen Klamotten, mit unseren Winterjacken oder Decken. Selbstverständlich nahm ich die Klamotten trotzdem regelmäßig in die Hand. Und jedes Mal half es zunächst und beförderte mich in eine Zeit zurück, in der ich noch keine Witwe gewesen war.

Ich wollte dieses zurückwerfen irgendwann nicht mehr und trennte mich gänzlich von einem großen Teil der Klamotten. Gelandet sind sie in der Kälte- und Obdachlosenhilfe. Geblieben sind die MaPaPus, die aus Simons Klamotten genäht worden sind und einige Lieblingskleidungsstücke, die die Kinder gern behalten wollten.

Im ersten Moment fehlte mir die Luft, auf Dauer aber war das ein sehr befreiender Moment. Ähnlich war es mit unserem Auto. Unser Batmobil war eine Familienkutsche, gebraucht gekauft aber groß und toll. Was waren wir stolz auf dieses Teil. In den letzten Monaten vor Simons Tod war eigentlich schon klar, dass er damit nicht wieder fahren wird. Ich hatte (und habe) keinen Führerschein. Er wollte sich nicht vom dem Ding trennen. Als er starb setzte ich mich abends oft in das Auto, auf die Beifahrerseite, checkte ob noch genug Tic Tacs im Handschuhfach waren und dachte daran, wie er bei jedem Bremsen seinen Arm vor meine Brust hielt. Ich konnte und durfte dieses Auto nicht fahren. Zunächst hab ich es nur stilllegen , später zur Werkstatt bringen lassen. (Danke Mädels!) Noch etwas später gab ich die Autoschlüssel ab. Auf Nimmer wiedersehen geliebtes Batmobil. Und ein weiteres bisschen später hatten wir unseren Autoersatz.

Kast sagt auch, dass Trauernde oft auch die Gesichtszüge des Verstorbenen in den Gesichtern anderer Suchen. Und genau das kann ich zu 100 Prozent bestätigen. Auch wenn es hire nicht gern gelesen wird…Kurz vor dem Ende des ersten ersten Trauerjahres datete ich mich. Und ich verglich. Immer. Verhaltensweisen, Gesten, Mimik, Gesichtszüge. Wirklich immer. Der Kerl hätte noch so toll sein können, dass was ich suchte war mein Mann. Nicht irgendeinen anderen Mann, sondern Meinen. Ich suchte nach meinem alten Leben und war nicht in der Lage dieses loszulassen. Irgendwann aber änderte sich genau das. Irgendwann traf ich Jemanden, der so ganz anders war, als Simon es je gewesen ist. Komplett anders. Optisch sowie mental. Da hätte ich ewig nach Gemeinsamkeiten suchen können. Ich tat es in diesem Fall auch gar nicht erst. Es war wie eine Tür, die da plötzlich aufging, ohne dass die andere völlig zugeschlagen wurde. Die alte Tür, die die zu meinem alten Leben führte wurde angelehnt, so dass ich bei Fluchtgedanken nochmal kurz zurück hätte können. Eine Flucht ins „Alte“ gab es nicht. Die neue Tür für eine neue Beziehung habe ich dennoch nicht benutzt.

Kast sagt, dass dieser Verlauf vom Suchen des Verstorbenen und des sich immer wieder Trennens eine starke Auseinandersetzung mit dessen Tod zur Folge hat. Irgendwann komme der Augenblick in dem der/die Hinterbliebene die bewusste Entscheidung trifft wieder ja zum Leben zu sagen und nicht mehr im alten Leben verweilen will.

Und im Grunde hat sie Recht. Der Tod ist einer stupiden Trennung recht ähnlich. „Wir“ Trauernden suchen am Anfang und manchmal auch eine ganze Weile lang nach Dingen, die diesen Menschen ausgemacht haben. Weil wir nicht loslassen können. Viele Erinnerungen, Sachgüter und ähnliches werden behandelt wie Edelsteine. Wir idealisieren die verstorbene Person und suchen genau diese „Kennzeichen“ manchmal auch in anderen Menschen. Dieses Suchen kann zum Teil schön sein. Es kann aber auch tiefe Verzweiflung auslösen, wenn das Bewusstsein wächst, dass eine Trennung vom Verstorbenem unumgänglich ist, zumindest dann wenn eine gesunde Zukunft folgen soll. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass „sich trennen, sich lösen“ nicht gleichzusetzen mit Vergessen ist. Das eine hat mit dem Anderem nichts zu tun.

Aufgrund der genannten Verzweiflung, dieser Dunkelheit sind Suizidale Gedanken in dieser Phase nicht selten. Kast sagt, dass diese Phase Wochen, Monate oder Jahre dauern kann.

Ich kann von mir selbst gar nicht sagen, ob ich diese Phase bereits gänzlich verlassen habe. Trauer kommt in Wellen, Trauerphasen können sich mischen, eine Phase scheint abgeschlossen und einen Tag später steckt man plötzlich wieder drin. Ich denke, dass ich grundsätzlich einen Schritt weiter bin, falle aber an blöden Tagen wieder hierher zurück. Ich suche Simon nicht mehr. Nicht in anderen Menschen. Ein Großteil seiner Klamotten ist weg. An miesen Tagen aber hänge ich in Erinnerungen fest und erwische mich dabei mit ihm zu sprechen.

Was aber kann in dieser „Phase“ helfen? Wie immer gilt, ein soziales Umfeld, das mutig genug ist diese Momente unterstützend mit zu tragen. Ich glaube nämlich immer noch, dass ein Päckchen das mit 4. 6,8 oder mehr Armen getragen wird, leichter auszuhalten ist, als wenn man es allein durch die Gegend hievt. Das gilt im Übrigen für alle schwierigen Lebenslagen, da Einen treffen können…

Helfen kann besonders wenn „Wir“ die Erlebnisse aus der Vergangenheit immer und immer wieder aussprechen dürfen ohne das Gefühl zu haben, dass uns der Mund verboten wird. Bei mir waren/sind  es oft schwierige Momente, die ich immer wieder zur Sprache bringen wollte; der Moment der Unterschrift zum Beispiel, das Gefühl der verlorenen Schwangerschaft und das auf sich gestellt sein zum Zeitpunkt der Erstdiagnose zum Beispiel.

Auch wenn es schwer fällt, wenn ihr als Ausstehende bemerkt, dass die trauernde Person immer und immer wieder nach dem Verstorbenem such, versucht dies ohne Wertung zu aktzeptieren. Drängt diese Menschen nicht, endlich den Verlust zu akzeptieren. Nehmt Gefühle Ernst, werden suizidale Gedanken ausgesprochen oder ihr habt sonst die Befürchtung einer Selbstgefährdung der trauernden Person, nehmt diese ernst und sucht Euch gegebenenfalls Hilfe. Krisendienste, Notaufnahmen aller Kliniken oder der Sozial Psychiatrische Dienst helfen im Notfall weiter.

Wenn „Wir“ bereit sind einen Neuanfang zu wagen, dann freuen „Wir“ uns über Unterstützung. Manchmal ist der Wille nämlich doch etwas größer als der Mut es tatsächlich zu tun. Das können praktische Dinge sein wie, der Gedanke daran umzuziehen, ein neues Bett zu kaufen, großzügig auszumisten oder auch mentale Dinge wie eine Umstrukturierung im Berufsleben, neue Kontakte knüpfen. Versucht es nicht zu belächeln, auch wenn das nicht immer einfach ist.

Für mich war das zunächst wirklich eine Phase, die mit voller Wucht zugeschlagen hat. Sie schien schon fast über Nacht zu kommen, machte sich breit, brachte Verzweiflung und gleichzeitig auch ganz viel Hoffnung auf ein neues Leben mit sich. Wie gesagt, Trauer ist ein individueller Prozess, Niemand hat Euch zu sagen wie lange das zu dauern hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das gern gemacht wird. Trauer kann in Wellen kommen, zumindest ist es bei mir so.  Aber die „Qualität“ verändert sich mit der Seit genauso sehr wie die Sicht auf viele Dinge.

Wenn es gelingt aus dieser Trauerspirale auszubrechen, dann werdet ihr ein anderer Mensch sein. Ihr habt vermutlich klarere Vorstellungen von Euerm Leben.

Nächstes Mal erzähle ich Euch von der 4. Phase; neuer Selbst- und Weltbezug. In dieser Phase nämlich bin ich zur Zeit unterwegs. Mit immer mal kleinen Rückschlägen und Schritten zurück. Aber das ist okay. Ich bin dankbar überhaupt hier angekommen zu sein.

Bleib tapfer. Wenn ich Heulsuse das packe/packen werde, dann Du bestimmt auch. Wie lange das dauert, das bestimmt Jeder für sich selbst. Was Einem gut tut ebenso. Über ein soziales Netzwerk, das inzwischen in vielen Fällen stark ausgedünnt ist, freuen wir uns sehr.

Noch ein kleiner Zusatz; Richtig, es gehen viele Menschen. Ist der Tod abzusehen, geschieht das nicht selten bereits davor. Das ist für „Uns“ Hinterbliebene schwierig, das macht uns sauer und löst im ersten Moment Unverständnis aus. Ich weiß, dass ich mich wiederhole…Aber Rückblickend kann ich das gut verstehen. Auch Außenstehende wollen sich schützen, können viele Dinge nicht verstehen usw. das MUSS auch von uns aktzeptiert werden. Was wir folgend daraus machen obliegt bei uns. Ich habe einige Menschen verloren, einige unfreiwillig, mit anderen habe ich bewusst gebrochen. Dafür aber, und da seid Euch sicher, es kommen andere Menschen. Menschen, die zu Freunden werden. Ganz plötzlich. Unerwartet. Und genau diese Menschen,diese Freunde, die trotz einer Krise zu Einem finden, sind am Ende die Jenigen, die man Umgangssprachlich Fels in der Brandung nennt.

3 Gedanken zu „Trauerphasen, in welcher steckst Du? In welcher stecke ich? Teil 3/4

  1. Wenn ich das so lese, glaube ich, dass ich in dieser Phase feststecke.
    Die suizidalen Gedanken sind da und gehen auch nicht weg.
    Interessanterweise ist der Verstand ganz klar und beobachtet das wie
    etwas, dass ihn nicht betrifft.

    Seltsamer Planet auf dem wir da leben.

    Alles Liebe – Uwe

    1. Genau in dieser Phase stecken viele trauernde Personen fest. Wenn Du selbst es auch wahrnimmst, dann hol DIr bitte helfen. Es gibt wahnsinnig emphatische Therapeuten, Trauerrehas, Trauergruppen und ähnliches. Lass Dir bitte helfen

      1. Dankeschön. Schaunmermal, aktuell ist da weder der Wille noch die Energie. Kann sich aber, wie alles im Leben, ändern.

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