Und wenn Du tot bist, finden wir uns dann wieder?

Erneute Triggerwarnung; dieser Blog handelt vom kindlichen Umgang mit dem Tod samt Verlustängsten. Wenn es Dir damit nicht gut geht, lese bitte nicht weiter.

Ich hatte vor geraumer Zeit bereits über dieses Thema geschrieben. Die Themen Tod, Sterben und das danach sind Themen in unserem Haus. Und das nicht erst seitdem Simon verstorben ist.

Als die totbringende Diagnose in unser Leben eingezogen ist war Simon 31 Jahre alt; ich 27. Die Einhornbändigerin war vier Jahre alt und der kleine Batman war noch in meinem Bauch. Wir wussten dass Simon irgendwann an dieser Erkrankung sterben wird. Diagnostiziert wurde Stadium drei, die Prognosen der Ärzte waren unterschiedlich. Von 2-10 Jahren war alles dabei. Irgendwann, nachdem alle Blutwerte und Bildgebenden Verfahren abgeschlossen waren stand plötzlich eine wahrscheinliche, weitere Lebenserwartung von etwa 4-6 Jahren im Raum. Relativ schnell hatten wir diese Zahlen vergessen oder verdrängt oder Beides.

Den ersten Behandlungsdurchlauf hat unser Held gut vertragen. Chemos, Hochdosischemo, Spende und Rückgabe der eigenen Stammzellen. Zwischendurch wurde der kleine Batman geboren. Aber das wissen die Meisten von Euch. (und ja, ich war so fertig, wie ich da ausgesehen habe)

Wir machten nie ein Geheimnis daraus das Simon krank war, wir verpackten es allerdings in eine Kindgerechte Geschichte. Krabbe Kunibert, der in Simons Blut wütete. Und dort einige Bestandteile davon kaputt machte. Und genau diese Bestandteile, die STammzellen, suchten wir einige Zeit später.

Der kleine Batman ist damit aufgewachsen bis er 5 Jahre alt war. Die Einhornbändigerin kannte zunächst noch einen gesunden Momo (Kosename von Simon), und meinte nach seiner Erkrankung dass es nur mehr Glitzer und Feenstaub bedarf, denn das können Krabben nicht leiden. Wir sprachen über die Erkrankung, die Minder wussten im Verlauf immer besser, dass manchmal nur die Ärzte in der Klinik helfen konnten. Und dass es dem Papa danach meistens etwas besser ging. Sie kannten die wirklich guten, symptomfreien Phasen aber auch die furchtbar schlechten. Sie wussten auch, dass es für Simons Form von Blutkrebs keine Heilung gibt, aber dass man die Krabbe aufhalten kann bzw. daran hindern könnte weiterzuwachsen.

Über das Thema Tod aber sprachen wir lange Zeit nicht. Weil wir es selbst nicht wahrhaben wollten. Und auch, weil wir gar nicht wussten, wann das überhaupt geschehen wird. Wir wollten nicht, dass die Kinder in permanenter Panik heranwachsen. Panik davor, dass der Papa morgen einfach tot umfallen könnte. Wir beschlossen erst mit den Kindern darüber zu reden, wenn der Zeitpunkt von Simons letzter Reise absehbar sein würde. Ich vergaß in dieser Theorie allerdings, dass es dann vermutlich nur noch ich sein würde, die mit den Kindern darüber reden würde.

Im Frühjahr 2018 war es soweit. Es war klar das alle Therapieversuche nicht griffen. Ein Stammzellspender war nicht in Sich und Simon baute körperlich und mental immer weiter ab. Sein Verhalten gegenüber den Kindern wurde ein Anderes. Er wurde immer mehr zu seiner Erkrankung selbst. Er war immer weniger Simon. Ich sprach mit den Kindern. Über Regenbögen, über Wolken, über Kunibert und dass diese Krabbe nun nicht mehr schrumpfen möchte. Ich erzählte von den Chemorittern, die einfach keine Kraft mehr hätten um gegen Krabbe Kunibert zu kämpfen. Und dass Kunibert im Körper vom Papa immer mehr umherwandert, er dadurch Schmerzen hätte und manchmal könnte dass auch dazu führen, dass Simon Dinge sagt, die er gar nicht so meint. „Ich glaube, dass Papa vielleicht bald sterben wird“, brachte ich irgendwann über meine Lippen. Beide Kinder sagen mich mit ihren Kulleraugen an und verstanden die Tragweite dieser Aussage kaum. Wir redeten über einen Abschied und wie es wohl im Himmel sein könnte. Ob es Papa gefallen wird. Wie das wohl werden wird. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass Simon bald versterben wird. Ich hoffte und glaubte aber bis zu Letzt, dass dieses „Bald“ trotzdem noch eine lange Zeit dauern würde. Unser Ziel war die Einschulung vom kleinem Batman. Und unser 25. Hochzeitstag, den wir monatlich feierten. Beides wäre etwa zum gleichen Zeitpunkt gewesen. Simon starb. Der Tag seiner Fahrt ins Krematorium war gleichzeitig mein 34. Geburtstag. Und wir machten an diesem Tag unsere ganz eigene Krebs-Krabben-Kunibert-Myelom-Verbrennung

Genau ein Jahr nach Simons Beisetzung war die Einschulung des kleinen Batman. Diese ganzen Väter der anderen Kinder triggerten ihn sehr. Aber wir hatten Glück, es gab jede Menge Wolkenlücken und der Heldensohn war sich sicher, dass sein Papa ihm vom Himmel aus zusehen würde.

In diesem Sommer jährt sich Simons Todestag das dritte Mal. Beide Kinder sprechen oft über Simon. Das Thema Tod ist nichts abstraktes mehr. Aber auch nichts tiefschwarzes. Die Kinder merken, dass der Tod auch bunt sein kann. So wie das Leben. Bunt, wie Luftballons an denen wir Post in den Himmel schicken. Bunt wie die Geburtstagskrone, die wir jedes Jahr in den Wald bringen. Bunt wie schöne Erinnerungen. Der Tod aber ist auch traurig. Weil Jemand plötzlich fehlt und wirklich nie mehr wieder kommt. Er macht Angst, weil ja „theoretisch jeder einfach so sterben kann“. Manchmal ist es auch gruselig weil Niemand weiß was danach ist, wie der Himmel so ist und „ob es da überhaupt Schokokuchen gibt“ Die Kinder wissen, dass der Tod vieles sein kann. Alles sein darf. Und nichts davon falsch ist.

Aber…was dem Batman wirklich ab und an neben dem Vermissen wirklich zu schaffen macht…

„Der Himmel ist so groß. Wenn Du stirbst bist Du auch dort oder? Und wenn ich sterbe, wenn ich ein alter Opa bin, dann bin ich auch da. Aber wie finde ich Dich da wieder. Ich habe Angst Dich nicht wieder zu finden“

Da schlägt die Verlustangst in voller Stärke zu. Beide Kinder haben Angst dass mir etwas geschieht, weil zumindest der kleine Batman dann kein Elternteil mehr hätte. Aber viel größer scheint die Angst davor zu sein, dass wir uns nach unserem Tod nicht wieder finden würden. Das hört sich sehr spirituell an, ich weiß. Aber beide Kinder glauben an den Himmel, an Regenbogenrutschen und das Wolkenlücken die Fenster vom „Himmel“ sind. Der Heldensohn weint ab und zu bitterliche Tränen, weil er befürchtet mich und seine Schwester dann nicht wieder zufinden. Und da ich deutlich älter als der Batman bin, ist es für ihn logisch, dass ich zuerst sterben werde. Und wenn er ganz alt sei und dann auch in den Himmel kommt, dann würde ich ihn vielleicht nicht finden. Oder wiedererkennen.

Die Einhornbändigerin meinte dazu mal, dass man sich im Himmel sein Alter aussuchen könnte. Und dass man Menschen, die man wirklich lieb hat immer wiederfindet und erkennt. Egal wieviele Jahre dazwischen liegen würden.

Diese Verlustängste werden immer weniger. Und trotzdem bekomme ich jedes Mal eine dicke Gänsehaut mit welchen Gedanken sich meine Kinder da beschäftigen (müssen). Die Zwei sind wahnsinnig lebensfroh, wollen noch viele Dinge erleben und glauben fest daran, dass der Papa ihnen immer dabei zusieht. Sie überlebten den Verlust eines Elternteils. Sie überlebten eine jahrelange Erkrankung eines Elternteils. Sie leben nun ein völlig anderes Leben. Ohne Papa und auch mit ganz anderen materiellen Möglichkeiten, so doof sich das auch anhört. Aber auch das war am Anfang eine wahnsinnige Umstellung für die Kinder.

Aber die größte Angst ist die, dass der Himmel so riesig ist, dass wir uns in vielen, vielen Jahren dann nicht wiederfinden werden.

Aber, wenn man Menschen wirklich wirklich lieb hat, dann findet man sie immer wieder. Auch im HImmel.

Ein Gedanke zu „Und wenn Du tot bist, finden wir uns dann wieder?

  1. Mein Vater und ich haben abgesprochen, dass ich ihn beim Fußball treffen werde. Das war unser Ding und zusammen Sport am TV zu schauen gehört zu meinen letzten Erinnerungen als er noch „mein Papa“ war bevor #fuckcancer ihn ganz und gar eingenommen hatte.

    Alles Liebe für euch ❤

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