Wenn aus einer Idee Unglaubliches wird

Ihr Lieben, nun muss…Nein, ich möchte nochmal richtig auf eine Aktion zurückkommen, die vor knapp zwei Wochen vor Allem dank Euch ins Rollen gekommen ist.

Ich postete auf dem Weg zu meinem letzten Arbeitstag ein Foto auf dem Schokihasen zu sehen waren. Ich kaufte diese am Vortag für die Kinder mit den ich arbeite. Kinder, die in einem Flüchtlingsheim wohnen, in wahnsinnig beengten Verhältnissen. Privatsphäre ist dort nicht das Einzige, das fehlt. Es sind Kinder, die mit ihren Familien geflüchtet sind; vor Bomben, die vom Himmel fallen, vor politischer Verfolgung, vor Hunger und Ähnlichem.

Ich arbeite in einem Flüchtlingsheim/in einer Gemeinschaftsunterkunft als externe Mitarbeiterin. Das heißt, dass ich nicht Angestellte vom Land Berlin bin, kein Öffentlicher Dienst. Ich arbeite für einen Träger, der IN verschiedenen Flüchtlingsheimen/Gemeinschftsunterkünften Gruppen eröffnet hat um dort (traumatisierte)Kinder zu betreuen, die derzeitig noch nicht in die Kita oder Schule gehen gehen können. Die Gründe dafür sind jeweils ganz unterschiedlich. Unsere Hauptaufgabe ist es die Kinder „fit“ für die reguläre Schule/reguläre Kita zu bekommen. Die Sprachbarriere ist dabei das kleinste Problem. Da diesbezüglich bereits einige Fragen kamen, kommt auch dazu noch ein gesonderter Post, das würde den Rahmen hier sonst sprengen.

zurück zum Thema; Ich postete also dieses Foto.

Und schrieb dazu, dass die Kinder wenigstens als kleine Geste diese Schokihasen bekommen werden. Das Budget ist knapp und für Extras sorgen sowohl meine Kollegen als auch ich aus eigener Tasche. Weil es sonst kaum möglich wäre. Ich schrieb, dass ich meinen Job wirklich gern mache. Unter Anderem weil es ein so ganz anderes Arbeiten ist, weil es andere Hürden als in meinen bisherigen Erfahrungen gibt und auch weil ich einen Arbeitgeber habe, der mich und meine Grundsituation/Lebenssituation akzeptiert und respektiert. Auch wenn ich im Moment erneut auf Grund der aktuellen Situation, der fehlenden Betreuung meiner eigenen Kinder durch Minusstunden glänze. Ich schrieb, dass mein Job mich unfassbar erdet, weil „wir“ im Grunde oft auf hohem Niveau jammern, was uns grade wie fehlt. Ich arbeite mit Kindern und Familien, die de Facto vor dem Nichts stehen. Die alles verlassen mussten. Ich arbeite mit Kindern, die unfassbar, schreckliche Geschichten mitbringen. Und trotzdem lachen sie, sind fröhlich und sagen wie schön es doch in dieser Unterkunft sei. Und glaubt mir, wenn einer von uns auch nur eine Woche in dieser Wohnsituation leben würde, dann würden wir vermutlich ganz schnell aufhören uns über andere, zum Teil recht lapidare Dinge zu beschweren. Ich nehme mich da selbst nicht raus. Ich Meisterin des Selbstmitleids, ihr wisst schon.

Es folgten viele Kommentare. Letztes Jahr durfte ich auch auf Grund des Blogs hier eine größere Sachspende aus NRW entgegennehmen. Die Dinge damals kamen aus einer kleinen Kita und es war so viel, dass wir mit anderen Einrichtungen geteilt haben. Dennoch fehlten nach wie vor einige Dinge. Zum Teil fürs Flüchtlingsheim bzw. unsere Gruppe, zum Teil aber auch für die Kinder selbst. Improvisieren konnten wir inzwischen gut.

Freitag:

Auf Instagram wurde ich irgendwann unter diesem besagtem Hasenfoto nach einer erneuten Wunschliste gefragt. Ich zögerte, weil ich weiß dass solche Dinge öffentlich gerne falsch ausgelegt werden. Eine Nacht später erstellte ich eine Wunschliste, unter Anderem waren dort Dinge wie Geschirr, „besondere Lebensmittel“ (Schokocornflakes, Studentenfutter, Schoki), Bastel- und Malsachen, Bobby Cars für größere Kinder, Lernspielzeug zur Zahlen- und Mengenerfassung, Vorschulzeug, Puppen, Autos, Seifenblasen, Kleinspielzeug für die Kinder, ein Waffeleisen etc. drauf. Ich postete ein neues Bild mit dem Hinweis, dass ich die Wunschliste nun erstellt und in meinem Profil erstellt hätte. Und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Mein Postfach füllte und füllte sich, gleichzeitig wurde die Wunschliste immer leerer.

Samstag: Trotz mehrfachen Aufstockens war die Liste nach etwas mehr als 24 Stunden fast leer. FAST LEER. NACH 24 STUNDEN.

Sonntag: Andere Blogger fragten ob sie noch unterstützen könnten. Weitere Wünsche der Fortführung der Wunschliste wurden laut.

Montag: Der Postmann mit den blauen Klamotten klingelte und stand mit zwei riesigen Säcken vor mir. Der guckte ziemlich seltsam. Ich auch. 31 Pakete! Ich packte alles aus, sicherte die Zettel auf denen stand was vom wem wäre. Ich sortierte um und überlegte derweil, wie ich das bloß alles in die Einrichtung bringen sollte. Ich postete dieses Foto auf Instagram

Kurz danach meldete sich Jemand bei mir. Ein Frau, deren Mann ein Arbeitskollege von Simon war. Sie waren auf unserer Hochzeit und auf Simons Beerdigung. Sie meinte, dass sie mich und die vielen Schätze fahren würde. Yeeeees, tausend Dank nochmal.

Dienstag: 29 Pakete. Der Postmann war der Gleiche. Nur guckte er noch merkwürdiger als vorher. Ich weiß auch nicht warum 🙂 Ich packte erneut um und sortierte vor. Außerdem bekam ich diverse Anfragen per Mail was noch wie gebraucht werden könnte. Weitere Blogger meldeten sich bei mir. Alu von Große Köpfe zum Beispiel. Sie wollte am Donnerstag vorbei kommen und etwas bringen.

Mittwoch 4 große Pakete. Außerdem bin ich dank der oben beschriebenen netten Person ins Flüchtlingsheim gefahren und habe die Sachen vorbei gebracht. „Meine“ Kinder auf der Arbeit haben beim tragen geholfen, sind wie kleine Flummies umhergehüpft und waren ganz aufgeregt. Einen Teil durften sie bereits sehen, weitere Dinge kommen später dran. Da es für manche Dinge erst Erklärungen braucht und alles auf ein Mal eh überfordert hätte.

Donnerstag 27 Pakete. Der Postmann war erneut der Gleiche und fragte sich vermutlich ob ich nun völlig durchgedreht sei. Ich sortierte wieder so vor mich hin. Zeitgleich organisierte sich auf Instagram eine Gruppe von Followern , die unter dem letzten, von mir geposteten Foto jetzt selbst ein Sammlung starteten. Auf Der Wunschliste war noch ein Ding. Ein Kettcar für die größeren Kids. So organisierten sich mehrere Follower und kamen binnen ganz kurzer Zeit auf die erforderliche Summe. Ich war dezent sprachlos. Alu kam fix vorbei, Coronakonform, Abstand, vor der Tür…und überreichte mir ein Paket.

Karfreitag Ich sortierte immer noch und überlegte wohin mit dem ganzen Pappmüll, der nebenbei leider auch entstanden ist. Meine Papiertonne war ja immer noch nicht da. (ich Organisationstalent, ich) Aber ich hatte da Inhalt für mindestens 6 Mülltonnen vor mir zu liegen. Blöd, aber okay. Doch dann….Meldete sich die Schwester der lieben Fahrerin vom Mittwoch. Sie wohnt nicht soooooo weit weg und wollte Montag kurz vorbei kommen um diese Berge abzuholen. Am Dienstag fährt sie damit dann zum Recyclinghof….Hatte ich meine Sprachlosigkeit schon erwähnt?

Samstag

Das Kettcar samt 8 weiteren Kartons kamen. ich machte was? Genau; sortieren. Der Postmann in blauer Kleidung zweifelt immer mehr an mir. Es kamen Anfragen ob andere Flüchtlingsheime auch Bedarf hätten. Ob ich den Kontakt herstellen könnte. Inzwischen hatte ich selbst die Idee, einer dauerhaften Aktionsgeschichte, dazu kann ich Euch aber erst mehr erzählen wenn alles in „Sack und Tüten“ ist. Eine große Berliner Tageszeitung klopfte auch an, weil sie von dieser Aktion gehört hatten. Ich musste die Anfrage erstmal mit meinem Arbeitgeber klären.

Sonntag Ostern!

Montag Ostern. Und trotzdem kam dieser liebe Mensch und lud unsren Papiermüll ein! Jetzt machte ich mir einen Plan wie der Rest der Spenden ins Flüchtlingsheim kommt. Spätestens nächste Woche, wenn ich wieder selbst vor Ort arbeite.

Dienstag, also Heute

Drei Pakete. Der Postmann mag mich nicht mehr. War wieder der Gleiche. Ich hab ihm Heute Schoki und nen Kaffee to go mitgegeben plus Trinkgeld. Ich glaube dass jetzt alles da ist. Ich kläre mit meinem Arbeitgeber final, dass ich für „unsere“ Einrichtungen einen Social Media Account öffnen darf um besser erklären und zeigen zu können was wir eigentlich machen, so als externe Mitarbeiter. Die Fragen dazu reißen nämlich nicht ab. Das Interesse überwältigt mich. Weiterhin dürfen auch wir ab Ende der Woche nur 50 Prozent der Kinder in der Gruppe im Flüchtlingsheim/der Gemeinschaftsunterkunft betreuen. Ich stelle via Telefon zusammen mit den Kollegen und meiner CHefin einen Plan auf wer kommen kann. Und plane mit einer Kollegin „Anti-Frust“ Pakete für die Kids, die wir ab Donnerstag nicht mehr in der Gruppe betreuen dürfen. Darin enthalten werden Malsachen, Bastelkram, Stifte, Spielzeug, Süßkram und co sein. Diese Pakete werde ich Montag früh selbst zusammenpacken wenn mein „Urlaub“ vorbei ist und ich wieder arbeiten kann. Diese kleinen Pakete sind nur möglich, weil „wir“ diese Sachspenden von Euch bekommen haben. Ich werde Euch dann ein Beispielfoto zeigen, versprochen.

Alle Dinge, die dann doch zu viel waren, gehen an andere Flüchtlingsheime in denen ebenfalls Betreuungsgruppen wie unsere vorhanden sind. Alle Sachspenden werden ansonsten auf unsere Betreuungsgruppe und an die Kinder/Familien verteilt.

Ich werde täglich die Vorschulkinder in ihren Zimmern besuchen und sie mit neuem Material versorgen, kurze Gespräche führen und zeigen dass wir trotz Allem noch da sind. Die „Nicht-Vorschulkinder“, die wir vorrübergehend nicht betreuen dürfen, bekommen selbstverständlich auch kleine Päckchen. Und auch diese Kinder werde ich in der Unterkunft aufsuchen. Das mache ich nicht, weil ich unfassbar toll ist, sondern weil ich möchte, dass die Beziehungsarbeit und der bisherige Bindungsaufbau aufrechterhalten bleibt. Und weil ich die Kids wirklich gern hab und wissen möchte wie es ihnen geht.

Das alles ist so Irre. Weil ich das so überhaupt nicht geplant hatte. Eigentlich hatte ich gar nichts geplant. Denn die Idee und der Wunsch unterstützen zu wollen kam von Euch. Von den Menschen auf Instagram. Und irgendwie ist da ein absoluter Selbstläufer geworden. Ich danke Euch so sehr dafür. Ich danke Euch im Namen „meiner“ Kinder auf der Arbeit samt Familien. Ich danke Euch im Namen meiner Kollegen. Ich danke Euch im Namen meines Trägers, der davon übrigens als letzter erfahren hat…upsi. Ich danke Euch im Namen aller Mitarbeiter des Flüchtlingsheims. Und ich danke Euch auch im Namen meiner eigenen Kinder. Denn die Zwei haben mir zum Teil beim Aus- und Umpacken geholfen. Teilweise waren Dinge dabei, die selbst gern hätten. Aber es gab keinen Streit, weil sie zu jeder Zeit wussten für wen all diese Dinge sind. Nämlich für Kinder und Familien, denen es bedeutend schlechter geht als uns. Ich danke Euch dafür, dass ihr meinen eigenen Kindern zeigt wie die Welt auch funktionieren kann. Wie großartig es ist Anderen zu helfen.

Ich bin immer noch ganz „geflashed“ von Dem was da geschehen ist. Nix geplant. Ich habe nichts gemacht. Ich habe Eure Idee aufgegriffen und umgesetzt. Ein bissel sortiert und gepackt. Aber der Zünder, der wart ihr. Unfassbar was ihr da gerissen habt! Wir Danken Euch. Ganz, ganz fest!

2 Gedanken zu „Wenn aus einer Idee Unglaubliches wird

  1. Liebe Ines, vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht!! Ich bin so gerührt. Wie schön, dass wir auf so einfache Weise so konkret helfen können, und dann gleich den Bedürftigsten von allen: kleinen Kindern, die nichts für den Schlamassel der Welt können. Ich bin so froh und dankbar, dass du das alles gerockt hast. Das war und ist ja auch für dich eine Menge Zusatzarbeit. DANKE dafür!
    Zu Weihnachten dann gleich nochmal? 😉
    Liebe Grüße
    Miriam

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