Im Nebel

Nachts, dann wenn alles schläft bin ich wach. Ich liege auf dem Sofa und sehe mir im Internet irgendwelche Zusammenschnitte von Talkshows der 90iger an. Ich kann nicht schlafen. Ich sollte schlafen, weil ich morgen wieder arbeiten muss. Weil ich Kinder habe. Und weil, na weil schlafen wichtig ist.

Aber ich kann es nicht. Hello Darkness my old friend, denke ich und starre wieder auf dem Bildschirm. Grade streiten sich zwei Typen in seltsamen Klamotten, die die 90iger so mit sich brachten. Sie streiten darum, wer jetzt eigentlich der bessere Mann für die eine bestimmte Frau wäre, die selbstverständlich auch irgendwo dort steht.

Ich wickle mich in eine Decke ein. Und in noch eine. Weil ich meine Haut dann besser spüren kann und merke, dass der Nebel um mich herum noch etwas übrig gelassen hat. Diese Kerle da streiten darum wär der Bessere ist, wer was besser kann. Und ich überlege, was ich grade gut kann. Der Nebel ist da und lähmt mein Hirn. Er lähmt einen Körper und gefühlt komme ich einfach zu gar Nichts.

Ich komme einfach nicht darauf, was ich gut kann. Eher habe ich das Gefühl, dass mein gesamtes Leben im Stop and go läuft. Oder in halbierter Geschwindigkeit. Ich kann nicht so wie ich will. Im Job kann ich nicht zeigen, ob ich eigentlich weiß was ich da tue. Weil ich aufgrund aktueler Umstände nicht im vollen Stundenumfang da sein kann. Wenn ich dort bin, ist zumindest mein Kopf immer da. Das funktioniert ganz gut. Ich funktioniere ganz gut. Danach hetze ich nach Hause. Weil die Kinder bereits schon längst dort angekommen sind. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass sie vor mir zu Hause sind. Ich bereite etwas zu Essen zu, räume auf. Ich starre die Wollmäuse an und stelle fest, dass staubsaugen auch ne tolle Idee wäre. Wir spielen, machen Hausaufgaben, streiten und vertragen uns. Das funktioniert ganz gut. Ich funktioniere.

Wenn die Kinder am Abend im Bett sind putze ich das Bad, überweise Rechnungen, dokumentiere Dinge von meinem Job. Ich streiche eine Wand zuende, weil ich das schon längst getan haben wollte. Ich repariere kleine Dinge und nähe das liebste STofftier des Kindes, damit es endlich wieder heil ist. Das funktioniert ganz gut.

Der Nebel in meinem Hirn sagt mir dass ich gut funktionieren kann. Sonst ist da nichts. Ich vermisse die Zeit ohne das ich wusste wie sich dieser Nebel anfühlt. Ich bin müde und trotzdem hellwach. Ich bin erschöpft und zeitgleich stehe ich so unter Strom, dass ich kaum ruhig sitzen kann. Ich möchte nicht sprechen. Mein Kopf ist leer und gleichzeitig so voll mit Gedanken, dass ich nicht schlafen kann.

Der Nebel lässt mich vermissen. Jemanden, der mir sagt dass am Ende alles gut wird. Der da ist. Auch für mich. Ich fühle mich allein und habe das Gefühl die Welt schultern zu müssen.

Ich kenne diesen Nebel schon. Ich kenne dieses starke Vermissen. Ich kenne diese Verzweiflung und ich weiß, dass der Nebel mich ein paar Tage begleiten wird. Dann lichtet er sich und verschwindet. Bis er wieder zurück kommt und mir ein grelles „Hallo“ entgegenschreit.

Ich will das nicht. Ich weiß was das ist. Und ich hoffe dass dieser Nebel irgendwann gar nicht mehr zurückkommt.

Dieser Nebel lässt mich Dich vermissen. So sehr dass ich meinen Herzschlag im Hals fühlen kann. So sehr, dass ich es nicht ertrage mir Fotos von Dir anzusehen. Er lässt mich aber auch die Beziehung zu Dir in Frage stellen. Hätte ich Dich gar nicht erst kennengelernt, dann wäre ich jetzt nicht verwitwet. Ich hätte keine Kinder, die an Deinem Geburtstag im Friedwald stehen, Happy Birthday singen und Dir einen Luftballon samt Säckchen dran, in dem sich Kuchenkrümel befinden, in den Himmel schicken. Ich würde nicht bei dem Wort „Kuchenkrümel“ losheulen, weil Dein Spitzname immer Krümel war. Ich hätte nicht das Gefühl, ein Gefühl zu ertragen dass ich überhaupt nicht beschreiben kann. Ich hätte nicht zur Semsenfrau werden müssen.

Der Nebel lässt mich manche Dinge vergessen. Lichtet sich dieser graue Schleier in meinem Kopf, dann weiß ich, dass ich all das nicht missen möchte. Dass ich lieber den Nebel in kauf nehme als die verlorene Chance Dich kennengelernt zu haben.

Dieser graue Schleier dröhnt durch meinen Kopf, er macht die Farben dunkel. Es tut weh; körperlich.

Und wenn er wieder vergeht wird die Welt wieder bunter. Und zeigt mir, dass ich doch mehr kann als zu funktionieren.

2 Gedanken zu „Im Nebel

  1. Liebe Ines
    Ich setze mich in Gedanken ganz still zu Dir und atme mit Dir in Deinem Rhythmus. Ganz ruhig, ganz still.
    Ich zeige Dir: Du bist nicht allein. Du machst das alles sehr sehr gut. Schsch schsch…

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